Kölner Köpfe 2.0

20. August 2017 at 18:34

Im Agnesviertel, einem der schöneren Viertel von Köln, wurden jüngst einige „V.I.P.s“  auf einer Hauswand und den zum Haus gehörenden Garagentoren verewigt. Wir sehen hier die Musiker Tommy Engel und Wolfgang Niedecken (BAP) vereint und die verstorbenen kölschen TV- und Bühnenstars Willy Millowitsch, Trude Herr und Dirk Bach. Und wir könnten sehen – wenn das Auto nicht davor stehen würde: Das Kölner „Tatort“-Duo Ballauf und Schenk alias Klaus J. Behrend und Dietmar Bär (beide übrigens keine Kölner) und Gabi Köster.

Garagentor-Bemalung von Ole Derkin in Köln: Willy Millowitsch, Trude Herr, Dirk Bach Garagentor-Bemalung von Ole Derkin in Köln: Kölner Tatort, Gaby Köster Garagentor-Bemalung von Ole Derkin in Köln: Tommy Engel und Wolfgang Niedecken

Oberhalb vom grünen Willy hat der Sprayer selbstbewusst seinen Namen hinterlassen: Ole Derkin. Über ihn weiß das Netz nichts zu berichten, außer dass er auf dem Stand.art-Kunstmarkt 2016 Mischtechniken und Siebdrucke ausgestellt hat. Aber immerhin findet man weitere seiner Bilder bei Instagram.

Stencils im Kölner U-Bahnhof Apellhofplatz von 1990Ob sich Derkin in der U-Bahn-Station Apellhofplatz in der Kölner City hat inspirieren lassen? Dort gibt es eine große Anzahl von sich in Farbvariationen wiederholenden, per Stencil sehr exakt gesprühten Porträts. Ein angebrachtes Schild weist sie als „Kölner Köpfe“ aus. Wahrscheinlich übersieht man sie längst, weil sie seit sage und schreibe 27 Jahren(!) die Betonpfeiler verschönern. Damit sind sie mit Sicherheit die ältesten noch vorhandenen Stencil- bzw. Pochoir-Zeugnisse in der Stadt!

Unsere ehemalige Dombaumeisterin, die gottlob unruhige Ruheständlerin Barbara Schock-Werner, hat in einem Zeitungsartikel über Kölner U-Bahnhöfe den Stencils am Apellhofplatz nachgespürt. Wie sie schreibt, ist es schwer, heute noch Informationen über die alten Bilder zu finden. In einem liegt sie aber falsch: Tabot Velud ist nicht der Name des Künstlers der „Kölner Köpfe“, sondern nach meinen Recherchen der einer Künstlergruppe. Initiatoren der Stencils waren zwei Mitglieder dieser Gruppe, beide damals Studenten in Köln.

Wahrscheinlich waren die „Kölner Köpfe“ der ersten Generation gar nicht alle prominent. Vielleicht haben sich die Künstler hier auch selbst verewigt. Vielleicht sind einige „Köpfe“ aber auch einfach in Vergessenheit geraten. Jedenfalls kann ich nicht alle Gesichter zuordnen. Deutlich erkennbar sind mir TV-Mann Alfred Biolek, Musiker Jürgen Zeltinger, Fußballer Pierre Littbarski und Sammler Hermann Götting, alle im Erscheinungsbild von 1990. Und natürlich war Willy Millowitsch damals auch schon dabei.

Stencils im Kölner U-Bahnhof Apellhofplatz von 1990

Stencils im Kölner U-Bahnhof Apellhofplatz von 1990

 

Stencils im Kölner U-Bahnhof Apellhofplatz von 1990

Streetart-Hotspot Unionviertel Dortmund

17. Juli 2017 at 22:25
Mural von The London Police (UK/NL) in Dortmund

Mural von The London Police (UK/NL)

Dortmund, größte Stadt des Ruhrgebiets. Fußball, Bier, Industriekultur. Arbeitslosigkeit, Armut. Dass Dortmund aber auch ein Hotspot der urbanen Kunst ist, wissen nur wenige. Noch dazu konzentriert sich eine erstklassige und vielfältige Ansammlung von Murals, Stencils, Graffiti & Co. in einem einzigen Viertel: dem Unionviertel, benannt nach der ehemaligen Union-Brauerei, von der nur noch der sieben Stockwerke umfassende und 70 Meter hohe ehemalige Gär- und Lagerkeller mit dem weithin sichtbaren riesigen „U“ auf dem Dach steht. Heute ist das „U“ Kunst- und Kulturzentrum, Partyort, Videospielfläche für Adolf Winkelmann, Museum, Beachclub und Millionengrab. Das angrenzende Viertel hatte lange einen schlechten Ruf und war so weit runtergekommen, dass es sich bis heute noch nicht erholt hat. Die niedrigen Mieten bringen seit einiger Zeit allerdings viele junge Menschen und Kreative ins Viertel, das sich langsam wandelt.

Am Eingang zum Unionviertel von der Innenstadt aus gesehen befindet sich die 44309 Street//Art Gallery, die viel zur Verschönerung der umliegenden Straßen beiträgt. Zwar ist hier nicht gerade die zahlungskräftige Kundschaft für zeitgenössische Kunst zu Hause (man verkauft eher an auswärtige Kunden), aber die teils renommierten Künstler, die hier ausstellen (viele kommen aus dem Urban-Art-Umfeld) werden eingeladen, im Unionviertel Kunst im öffentlichen Raum zu hinterlassen. Künstler und Crews aus aller Welt haben bereits Hauswände im Unionviertel bemalt. Nicht alle Wandgemälde im Viertel wurden von der Galerie in Auftrag gegeben, und daher umfasst ein Lageplan, der vor Ort gerne zur Verfügung gestellt wird, nur die „eigenen“ Wände, aber man kann das Viertel gut in wenigen Stunden ablaufen und entdeckt so mehr oder weniger zufällig auch die anderen Gemälde. Hier und da muss man sich dazu in fragwürdige Hinterhöfe wagen oder auf das Gelände einer alten Schule, aber es lohnt sich. Die alte Schule in der Adlerstraße war bis vor kurzem Flüchtlingsunterkunft und man musste erst beim Sicherheitsdienst fragen, ob man auf das Gelände kann. Inzwischen wurde die Unterkunft mangels Bedarf geschlossen und die großartigen farbenfrohen Gemälde von Telmo & Miel (Niederlande) und L7m (Brasilien) müssten wieder frei zugänglich sein.

In der Adlerstraße findet sich auch das Wandgemälde des polnischen Duos Sepe & Chazme, das in großartiger Weise mit den umliegenden grauen Gebäuden „spielt“. Sepe & Chazme verdanken wir in Köln ebenfalls zwei beeindruckende Murals: eines im belgischen Viertel und das andere in Ehrenfeld.

Eine besondere Beziehung pflegt man im Unionviertel zur französischen Stencil-Legende Blek le Rat (Xavier Prou), seit dessen Sohn Alexandre in der 44309 Street//Art Gallery ein Praktikum absolvierte. Und so kann man im direkten Umfeld der Galerie zwei lebensgroße Stencil-Figuren von Blek le Rat finden. Aber auch MAD C war da, L7 m ist gleich mit zwei Wänden vertreten, Alice Pasquini mit dreien. Leider habe auch ich keine Gesamt-Übersicht über die bemalten Wände, ich habe bei meinen bislang zwei Wanderungen durch’s Viertel noch nicht alles gesehen. Aber eine Auswahl meiner Entdeckungen packe ich in eine umfangreiche Bildergalerie unter diesen Beitrag. Sie zeigt sehr gut die große Vielfalt und Bandbreite zwischen Kunst, Kunsthandwerk und Fingerübung, die man im Unionviertel finden kann und bildet nicht nur die großen Murals ab, sondern auch kleine Fundstücke wie Kacheln und Stromkästen. Wie immer gilt: Streetart ist für den Moment und nicht unbedingt von ewiger Dauer.

Mural von Belin (Spanien) im Dortmunder Unionviertel

Mural von Belin (Spanien)

Stencil von Blek le Rat (Frankreich) im Dortmunder Unionviertel

Stencil von Blek le Rat (Frankreich)

Mural von Sepe & Chazme (Polen) im Dortmunder Unionviertel

Mural von Sepe & Chazme (Polen)

Mural von Mark Gmehling HYPE im Dortmunder Unionviertel

Mural von Mark Gmehling (Dortmund): HYPE

Teilansicht Mural von Claudia Ethos (Brasilien) im Dortmunder Unionviertel

Teilansicht eines Wandgemäldes von Claudia Ethos (Brasilien)

 

Neu auf der Straße

4. Mai 2017 at 22:58

Frische Streetart, die mir in den letzten Tagen und Wochen in Köln auffiel:

Am Rudolfplatz war eine riesige Brezel („wrapped in plastic“) angekettet. Bäcker unbekannt.

Streetart? Riesenbrezel am Rudolfplatz

Auf dem Friesenwall gesellte sich eine wunderschöne Frida Kahlo von Oni und Metraeda zu den anderen vergänglichen Paste-ups und hartnäckigen Stickern.

Paste-up von Oni: Frida Kahlo

Am Kunstbruder gibt es mehrere neue Stencils auf der Hausfassade, unter anderem den dreifachen Prince. Dafür wurde leider die Katze von Meow überpinselt. Man kann die Mieze unter dem 2016 verstorbenen Musiker noch leicht erkennen. Gut, dass ich sie für die (vorläufige) Ewigkeit in ihrer ganzen Schönheit unter diesem Link festgehalten habe.

Stencil am Café Kunstbruder: Prince

Auf der Südbrücke

6. Januar 2017 at 19:34

3 Stencils auf der Kölner Südbrücke.Weiß jemand, von wem diese wunderschönen Stencils auf der Kölner Südbrücke stammen?

Alle drei sind aus drei Farben mit Schablonen gesprüht: Weiß, Schwarz und Grau. Das rechte Bild, das ein kleines Mädchen aus der Perspektive eines Erwachsenen zeigt, ist dabei von bunten Schmetterlingen umrahmt. Die erinnern mich an geklebte Motive der Kölner Künstlerin Tuk, allerdings sind (waren) mir von ihr bislang keine direkt auf die Wand gesprühten Motive bekannt.

Ist das Stencil also von Tuk?

Unten: Paste-up von Tuk im Kölner Schanzenviertel, passend umrahmt von Kinder-Kreidezeichnungen. Das gleiche Motiv kann man auch in Ehrenfeld finden.

Paste-up von Tuk im Kölner Schanzenviertel

Urbanes und Halburbanes auf der ART.FAIR 2016

28. Oktober 2016 at 14:20

Kay Schwarz auf der Cologne ArtFair 2016Die jährlich stattfindende ART.FAIR in Köln ist Deutschlands drittgrößte Kunstmesse. Mit Deutschlands größter und zugleich ältester Kunstmesse, der ART Cologne hat sie eher wenig gemein. Außer vielleicht, dass sich die 2003 ins Leben gerufene „Gegenveranstaltung“ so weit etabliert hat, dass sie seit einigen Jahren ebenfalls in den Hallen der Kölner Messe stattfindet.

Und „etabliert“ ist das Stichwort, denn was hat eine große Kunstmesse mit meinem Blog zu tun? Viel: Zahlreiche Künstler, formerly known as Street Artist | Urban Artist, finden sich heute von Galerien vertreten auf der Messe wieder.

Die ART.FAIR besteht eigentlich aus zwei Komponenten: In der ersten (unteren) Messehalle befindet sich die „Bloom“, der für mich spannendere Teil der Veranstaltung. Hier gibt es die neue, die junge Kunst zu bestaunen und zu erwerben. Die Künstler sind meist selbst anwesend, von Galerien sind sie oft noch gar nicht vertreten. Im Folgejahr sieht das meist anders aus, denn in Halle 2 stellen rund 100 Galerien aus ganz Europa und zunehmend aus Asien ihre aktuellen Künstler aus. Und die suchen natürlich auch nach interessantem Neuem.

Was mich Jahr für Jahr fasziniert, ist diese scheinbare Gleichzeitigkeit von bestimmten Motiven, Arbeitsweisen, Materialien. „Trends“ in der europäischen Kunstszene, die wechseln wie die Mode. In diesem Jahr fallen zahlreiche Kunstwerke ins Auge, die Schnellfeuerwaffen darstellen bzw. verunstalten und noch mehr abstrakte Werke, die auf Superhochglanz geschliffene und polierte lackierte Oberflächen setzen. Auch viele Lichtkunst-Objekte sind zu sehen, wohingegen die vielen großformatigen Fotografien von „Lost Places“, die im letzten und vorletzten Jahr dominierten, vollständig verschwunden, „out“ sind. Diese Orte gibt es maximal noch in der Malerei; da scheint mir darüber hinaus der Trend zum Superrealismus ungebrochen. Ansonsten überwiegt „Dekoratives“.

Aber zurück zur urbanen Kunst: Siebdrucke von Blek le Rat finden sich bei gleich mehreren Galeristen, „Bananensprayer“ Thomas Baumgärtel ist mit Stencil-Arbeiten und El Bocho mit seinen großen Mädchenköpfen bei JR Gallery zu sehen. Die Amsterdamer Galerie Urban Art Now, die in der niederländischen Metropole Street Art Touren organisiert, hat gleich ganze Stencil-Wände gestaltet, bei Kasten aus Mannheim gibt es unter anderem zahlreiche limitierte Siebdrucke von „Obey“ Shepard Fairey sogar in bezahlbaren Preisklassen zu erwerben.

Den Vogel schießt aber die Münchner Galerie Kronsbein ab: Auf üppig bemessener Standfläche hängen außer Pop-Art-Papst Andy Warhol auch „Mr. Brainwash“ Thierry Guetta, den die Zeitung „Welt“ 2010 immerhin als „Kunstmarktblase“ stempelte, und vor allem jede Menge Banksy-Siebdrucke. Im Gegensatz zu allen anderen Werken auf der Messe ohne Preise. Selbst eine mit viel Informationen zu jedem Bild ausgestattete „Preisliste“ der Galerie kommt ohne Preise aus. Nur auf Anfrage. Im Kölner Stadt-Anzeiger war allerdings von 125.000 EUR für das auf 150 limitierte „Girl with Balloon“ die Rede. Zzgl. MwSt. natürlich.

Die ART.FAIR ist noch bis Sonntag geöffnet. Und danach müssen wir ganz, ganz stark sein: Ab 2017 wechselt die ART.FAIR nach Düsseldorf.

Bild ganz oben: Kay Schwarz, dessen Fassadengestaltungen in Leipzig zum urbanen Stadtbild gehören, wird auf der ART.FAIR durch die Galerie Von und Von vertreten.

Unten eine kleine, überschaubare Bildergalerie zur Urban Art auf der Messe.

Ein ganzer Stencil-Zoo

17. Oktober 2016 at 22:27

„Stencils“ oder „Pochoirs“ sind eine Form der Streetart, bei der Motive mit Hilfe einer Schablone gesprüht werden (siehe auch Terminologie). Stencil-Stars wie wie Blek le Rat, Jef Aérosol oder Banksy sprühen große, aufwändige und teils mehrfarbige Bildmotive mit dieser Technik. Ich möchte hier aber einige kleine, einfarbige und eher simple Beispiele aus Köln zeigen. Denn verteilt über die ganze Stadt finden sich viele Stencils. Mal sind es Sprüche, die mit der Schablone gesprüht werden, mal menschliche Porträts, mal Tiere. Genau genommen kann man, wenn man möchte, einen ganzen Zoo von per Stencil-Technik gesprühten Tieren finden.Streetart in Köln: Verschiedene einfarbige Zebra-Stencils

Zebra, Panda und Dalmatiner sind naheliegend für ein einfarbig schwarz gesprühtes Motiv. Das Zebra links im Bild findet sich am Gottesweg, ist sehr groß und besonders schön gearbeitet. Alle anderen hier gezeigten einfarbigen Tierbilder sind eher klein und daher leicht zu übersehen.Streetart in Köln: Verschiedene einfarbige Tier-Stencils

Streetart in Köln: Verschiedene einfarbige Tier-Stencils von Hirsch über Elefanten bis PinguinenToll fand ich auch immer den großen, mit bunten Lacken auf ein Tor gesprühten Stencil-Tiger in Ehrenfeld. Leider ist das Motiv mittlerweile stark abgeblättert und kaum noch zu erkennen (Foto).Streetart in Köln: Großes Stencil "Tiger"

Hier noch einige weiterführende Links zum Thema:

Stencilrevolution bietet viele Infos zu Street Artists mit Biografien und Bildbeispielen, Tutorials und – etwas kurios – Vorlagen zum selber schneiden.

Stencilboard sammelt Stencil-Fotos weltweit. Leider ist die Seite noch nicht im Web 2.0 angekommen …

Eine riesige Sammlung von fotografierten Stencils findet sich auf auf flickr.

Auf youtube findet man allerlei Anleitungen zum Vorbereiten und schneiden einer Sprüh-Schablone. Ein gutes Video (auf Englisch) ist hier verlinkt.

Banksy im Moco Museum Amsterdam

28. September 2016 at 10:00

Drei Werke von Street Artist Banksy im Moco Museum AmsterdamStreetart im Museum? Geht gar nicht. Dazu hatte ich bisher eine sehr feste Meinung, die bestärkt wurde in Gesprächen mit einigen Kölner Street Artists. Und wie könnte es auch funktionieren? Streetart heißt so, weil sie auf der Straße stattfindet, unkommerziell (meistens jedenfalls) und vergänglich (erste Konservierungen wurden schon vorgenommen) ist. Eine Kunst für alle, von unten, jenseits der Akademien (Ausnahmen bestätigen die Regel). Soweit die Theorie mit vielen, schlechten Schriftstil dokumentierenden Klammerungen.

Der Theorie von Streetart widerspricht bereits, dass immer mehr Galerien so genannte „Streetart“ ausstellen und verkaufen. Ist das Anfertigen von Werken für Ausstellungszwecke also noch Streetart? Und wie klein oder groß ist dann überhaupt der Schritt in ein Museum?

Moco Museum AmsterdamSo oder so: Die der Restwelt stets einen Schritt voraus eilende Metropole Amsterdam hat seit April ein neues Museum, das Moco (Modern Contemporary), also eines für zeitgenössische Kunst. Das ist erstmal nicht ungewöhnlich. Bis zu vier Wechselausstellungen pro Jahr soll es geben, gezeigt werden die Großen der etablierten Kunstszene sowie (auch die großen) der Urban Art, die dann wohl – irgendwie – ebenfalls etabliert sind. Und das ist neu. Und funktioniert, ohne dass das Haus, das sich am Museumsplein in direkter Nachbarschaft zu den weltbekannten Häusern wie dem Rijks- und dem Van-Gogh-Museum befindet, eine eigene Sammlung besäße. Es wird ausschließlich mit Leihgaben gearbeitet.

Die Eröffnung wartete dann gleich mit zwei Knallern auf: Neben Pop-Art-Papst Andy Warhol („Royal“ mit 40 Werken) zeigt die erste Ausstellung den Street Artist Banksy („Laugh now“ mit 50 Werken). Der hat’s zwar nicht erfunden, gilt aber als bekanntester seiner Zunft. Und die derzeitige Ausstellung läuft so gut, dass sie nun schon zum zweiten Mal verlängert wurde. Als Finissage wird jetzt der 31.12.2016 genannt.

Wer den Film „Banksy does New York“, der im Moco ebenfalls gezeigt wird, gesehen hat, wird meine Skepsis bezüglich einer Banksy-Ausstellung vielleicht verstehen. Auf mehr oder minder dubiose Arten wurden sich seine Streetart-Werke in New York unter den Nagel gerissen, gestohlen, verschachert, als Spekulationsobjekt missbraucht. Eine ziemlich kranke Kunstszene wurde hier vorgeführt.

Umso versöhnlicher ist der Besuch im Moco. Da ist zunächst einmal diese wunderschöne alte Jugendstil-Villa Alsberg von 1906, die Lionel und Kim Logchies (Lionel Gallery Amsterdam) in privater Initiative zum Moco umfunktionierten. Eine schöne, warme, freundliche Atmosphäre strahlen die alten Räume aus und wie in einem Privathaus hängen die unbezahlbaren Kunstwerke zwischen alten Möbeln, Kamin und modernen, farblich mit den Bildern abgestimmten Sitzgelegenheiten. Zu dieser Gesamt“installation“ fällt mir nur der Begriff „geschmackvoll“ ein.

Niemand möchte, dass ich meinen Rucksack abgebe, Fotografieren ist erlaubt und auch die hier entstandenen Aufnahmen darf ich gerne für meinen Blog verwenden, sagt mir die freundliche junge Dame am Eingang.

Paketbus von Street Artist Banksy im Moco Museum AmsterdamÜberwiegend sind es Werke von Banksy, die explizit für den Kunstmarkt geschaffen wurden, für Sammler. Also keine illegal abgesägten Garagentore oder ähnliches. Und keine abfotografierte Streetart. Sowas hatte ich befürchtet. Natürlich: Das Mädchen mit dem fliegenden Herz, die Affen, die Ratten sind auch zu sehen. Prunkstück ist ein bemalter Paket-Transporter (Bild oben), der in einem eigens errichteten provisorischen Haus-Anbau steht und – so sagt es der Katalog zur Ausstellung – vom jetzigen Besitzer, dem Leihgeber, direkt vom Künstler erworben wurde.

Als Galeristen, die Künstler wie Picasso, Gerhard Richter, Basquiat, Roy Lichtenstein, Jeff Koons, Dalí oder eben auch Banksy und Warhol im Programm haben, haben die Logchies natürlich allerbeste Kontakte zu Sammlern und dürften sich nebenbei rühmen, zu den besten Galerien Europas zu zählen. Auch in der nicht weit vom neuen Museum gelegenen Lionel Gallery gab es schon Banksy-Ausstellungen. Das Moco ist also nur die konsequente – und gelungene – Fortsetzung der Galerie. Ich jedenfalls bin gespannt auf weitere Ausstellungen, auch wenn der Begriff „Streetart“ hier eher unangebracht ist.

Bild unten: „Beanfield“, ein 4 x 3 Meter großes Gemälde von Banksy, stammt aus einer privaten Sammlung.

Bild "Beanfield" von Street Artist Banksy im Moco Museum Amsterdam

Banksy-Nachahmer in Köln

6. September 2016 at 10:07

Der wohl berühmteste Street Artist, Banksy, wird weltweit oft und viel kopiert. Oder besser gesagt: Seine Motive werden kopiert. Die vermeintlich simplen Schablonen-Sprühwerke mit dem hohen Wiedererkennungswert verleiten vermutlich dazu. So finden sich drei der bekanntesten Banksy-Bilder in vielfacher Kopie auch in Köln. Sie sind weniger sauber gearbeitet als die Originale und vor allem viel kleiner. Sie zu entdecken ist manchmal gar nicht so einfach.

Werke von Street Artist Banksy gibt es in vielfachen, meist schlechteren, Kopien auch auf Kölner Straßen.

Links: Den „Flower Thrower“ (bei Banksy waren die Blumen noch bunt) sah ich auf mehreren Stromkästen nahe Sankt Gereon.
Mitte: Der Panda, der bei Banksy Waffen in den Tatzen hatte, hat in der zahlreich in Ehrenfeld zu findenden Kleinkopie gelbe Spraydosen dabei. Eine witzige Variante.
Rechts. Am „Balloon Girl“ im Griechenmarktviertel bin ich wahrscheinlich Dutzende Male vorbei gelaufen ohne es zu bemerken. Es ist stark verblichen (auf dem Foto habe ich den Kontrast verstärkt). Banksys Original hatte natürlich einen roten Herz-Ballon.

Affig

28. Juli 2016 at 14:54

Fernsehturm Colonius und Wandgemälde in KölnZunächst war da der Affe mit dem Schirm. Zumindest war aus dieser Hinterhof-Perspektive im Belgischen Viertel nicht mehr erkennbar.

Über einen Monat später präsentiert sich das Stadtgartenkarree, ein Bürokomplex gegenüber des namensgebenden Parks, als halber Urwald. Und auf 2.000 qm Fläche fast vollständig bemalt. Das Künstlerduo Ron Voigt und John Iven von goodlack art war federführend bei der Ausführung des Projekts der Human Cities-Initiative des Farben-Herstellers Akzo Nobel (Herbol). Das Credo lautet „Unsere Städte sollen schöner und lebenswerter werden!“, weshalb das in Köln ansässige Unternehmen auch das CityLeaks-Festival seit Jahren unterstützt.

Nun also wurde das Stadtgartenkarree verschönert und gleich mit Message versehen: Das Sprichwort „Was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“ steht mehrsprachig auf der Ostseite der Fassade und soll für Toleranz und Zusammenhalt werben. Ich weiß nicht, was dicker aufgetragen ist: Die Farbe oder die Botschaft. – Vor allem versteht sich die Gestaltung aber als Erweiterung und Fortführung des beliebten Stadtgartens, einer Parkanlage mit altem Baumbestand und beliebtem Veranstaltungsort mit Biergarten, über die Straße hinweg und in die Bebauung hinein. Mit wunderschönen Details wie dem kleinen Orang-Utan, einem Kolibri, Schmetterlingen, Blumen und Bäumen.

Fassadengestaltung des Stadtgartenkarrees in Köln durch goodlack art.

Da passt es, dass jemand am Zugang zum Karree-Gelände eine via Stencil mit Affenmotiven besprühte LP angebracht hat und sich die gleichen Figuren in großer Anzahl gegenüber, im echten Stadtgarten, als Objekte in einem Baum wiederfinden. Die Affen kommen Ihnen irgendwie bekannt vor? Gerade in Verbindung mit dem speziellen Rot-Ton? Ich hab’ selbst ’ne Weile gebraucht, bis es mir dämmerte. „12 Monkeys“, der Kinoerfolg aus den 90-ern, ist in (TV-) Serie gegangen. Seit Juni sind die DVDs auch in Deutschland auf dem Markt und RTL Nitro zeigt die Serie ab August. Sagt mir eine google-ähnliche Suchmaschine.

Es handelt sich also schlicht und einfach um eine Promotion-Aktion des Kölner Senders mit den Mitteln und im Stil von Streetart. (Dazu sind auch die Blog-Einträge „Werbebotschaften auf Murals“ und „Kunst vs Komerz“ lesenswert.)

Promotionaktion für "12 Monkeys", getarnt als Streetart

Aber apropos Affen: Das gibt mir die Gelegenheit, einem älteren und längst verschwundenen Wandbild noch mal zu Blog-Ehren zu verhelfen. Das tolle Graffito (unten rechts) fand sich, neben weiteren großartigen Motiven, vor 6 Jahren am Gereonswall. Die Mauer der dortigen Schule konnte – wie Wände im angrenzenden Klingelpütz-Park – legal besprayt werden. 2012 schloss die Hauptschule, zur Zeit wird das Gelände neu bebaut. Einige wenige Graffiti sind innerhalb des Baugeländes noch erhalten. Motiv links daneben: Primark-Primat, ein Paste-up von XES, gesehen in Köln-Mülheim (links oben ein Sticker von Joey). Garantiert promotionfrei.

Primark-Primat von XES und Affen-Graffiti in Köln

Tankman und Neustart in Ehrenfeld

8. Juli 2016 at 16:25

Mural von Captain Borderline in Köln: Tankman

In Sachen „Streetart“ ist Ehrenfeld auf alle Fälle einer der Hotspots in Köln. Hier findet man die meisten und die tollsten Murals, zahllose Paste-ups, Stencils, Graffiti. Einige habe ich in meinem Blog bereits vorgestellt. Dazu kommt eine hohe Dichte von Künstler-Ateliers, die bedingt ist durch die Struktur des alten Arbeiterstadtteils mit seinen vielen ehemaligen Hinterhofwerkstätten. Allerdings ist der Stadtteil auch recht weitläufig und der Mensch neigt ja dazu, immer die gleichen Straßenzüge zu besuchen.

Diese Woche war ich nach langer Zeit mal wieder in einer Ecke Ehrenfelds unterwegs, die nicht so stark frequentiert ist und – ehrlich gesagt – nach wie vor auch wenig einladend daherkommt: Rund um den Kunstverein artmx mit seinem Atelierzentrum (artmx ist auch Organisator des großen Urban Art-Festivals CityLeaks) und des Ehrenfelder Teils der Rheinischen Fachhochschule/RFH. Die artmx-Fassade mit ihren Wandgemälden in unterschiedlichen Stilen ist nicht zu übersehen.

In direkter Nachbarschaft von artmx und RFH findet man ein fantastisches Wandbild der Captain Borderline Crew (Abbildung oben), über die ich schon mehrfach berichtet habe. Im Kölner „China-Jahr“ 2012 entstanden „Tankman“ und weitere politische Wandgemälde in Zusammenarbeit mit Amnesty International und Colorrevolution e.V. als Kritik an der chinesischen Regierung. Das nur auf den ersten Blick naiv-fröhliche Bild „Tankman“ erstrahlt in poppig-frischen Farben wie am ersten Tag und beeindruckt ungemein. Das Bild zitiert das berühmt gewordene Foto vom Tian’anmen-Platz in Peking, wo sich im Juni 1989 ein einzelner Mann mit Einkaufstüten in der Hand der anrückenden Panzerkolonne in den Weg stellt. Im Kölner Wandgemälde sind es Tüten mit Fair Trade-Symbol und der alles überrollende Panzer ist gespickt mit billigem chinesischen Plastikspielzeug. „Made in China 1989“ steht auf bunten Bildschirmen auf seiner Front.

Stencil und Schmierereien an der ecosign Akademie KölnNicht weit entfernt residiert die ecosign Akademie für Gestaltung in zwei zusammengelegten alten Industriegebäuden. Natürlich lässt es sich auch die Designschule nicht nehmen, großflächig die Wände der Einfahrt zu gestalten. Unter dem Titel „Neustart“ kann man mannshohe, in Stencil-Technik gesprühte Figuren sehen und allerhand „gute“ Ratschläge zum Thema Umwelt und Natur lesen. Beispiel: „Bieten Sie Ihrem Nachbarn an, aus seinem Garten eine Monokultur zu machen.“

Ehrenfelder Sprayer haben die Figuren bereits auf ihre Art mit Tags und Sprechblasen „verschönert“ (kleines Foto).

Stencils an der ecosign Akademie Köln