Tschüß Jack! Hallo Jack!

7. November 2016 at 21:36

jackinthebox_h_beikirch„Jack in the Box“ war in den letzten Jahren ein Ort in Köln-Ehrenfeld, an dem kreative Ideen gelebt wurden. Jetzt wird das Gelände am Bahndamm neu bebaut. Wohnungen sollen entstehen.

Der gemeinnützige Verein, der hinter dem bekannten Veranstaltungsort steht, kümmert sich seit 10 Jahren um Langzeitarbeitslose, bietet Arbeit und Ausbildung in den Bereichen Upcycling, Metall- und Holzhandwerk. Und natürlich steht das Gelände auch für innovative Veranstaltungs-Konzepte wie die ersten Streetfood-Märkte und den legendären Nachtflohmarkt „Nachtkonsum“, deren Kopien von Ehrenfeld aus Region und Land erobert haben.

Der Verein selbst zieht mit seinem Upcycling-Zentrum nun nach Bayenthal in die Räume der ehemaligen Firma Otto Wolff Draht- und Drahterzeugnisse. Der Streetfood-Markt wechselt ins dqe, der Nachtflohmarkt vorläufig in die Abenteuerhallen Kalk.

Das Gelände rund um „Jack in the Box“ war immer auch ein bisschen buntes Abenteuerland. Kein Wunder, dass sich hier allerhand Streetart angesammelt hat. Am bekanntesten ist sicher das Mural von Hendrik Beikirch (großes Foto oben) auf der Südwand der großen Halle. Beikirch hat hier – wie an zwei weiteren Orten in Köln und an ungezählten in der ganzen Welt – das Porträt eines Obdachlosen gemalt. Aber es gab auch immer nette Kleinode zu entdecken.

Bevor das Ganze nun für immer verschwindet, habe ich noch kurz vor Schluss eine kleine Fotogalerie vom Gelände zusammengestellt. Tschüß Jack in the Box Ehrenfeld, hallo an neuen Orten!

Aus weiterhin aktuellem Anlass

27. September 2016 at 12:03

Mural gegen TTIP von der Kölner Captain Borderline CrewDas Mural „Freihandelsabkommen“ in Köln-Mülheim entstand schon 2014, aber da ich es hier noch nicht gepostet habe und das Thema TTIP aktueller denn je ist, hole ich es gerne nach. Allein in Köln gingen vor anderthalb Wochen 55.000 Menschen gegen TTIP und CETA auf die Straße.

Die Wand wurde von A. Signl von der Kölner Captain Borderline Crew gestaltet. Über die Crew, dessen Mitglieder politische Themen aufgreifen und weltweit Murals gestalten, habe ich hier schon öfter berichtet. In Köln gibt es eine ganze Reihe großer Murals des Kollektivs mit kritischem oder ironischem Charakter.

Hinter Gittern

3. September 2016 at 11:44

Keine Sorge, nicht die Sprayer sind hinter Gittern, sondern – in diesen Fällen – Speedy Gonzales (aka „die schnellste Maus von Mexiko“) und ein trauriger Gorilla.

Graffiti in Köln, die die örtlichen Begebenheiten (Gitterstäbe) in ihr Werk einbeziehen.Genial, wie TOPAS hier auf dem Abrissgelände der Ehrenfelder Helioswerke (Graffiti „Hall of Fame“) mit viel Witz das vorhandene Fenstergitter in sein Werk eingearbeitet hat, um Käsedieb Speedy festzusetzen. Festgesetzt ist auch der Gorilla in der Maybachstraße. Allerdings nur tagsüber: Ist das Hoftor geöffnet, verschwindet das Gesicht hinter den Gitterstäben. Die als Stencil gesprühte Überwachungskamera hat aber eher die Passanten im Visier.

Paste-up von Louva must die: Keiner ist sicherAn der Mülheimer Brücke hatte ein Paste-up von „Louva must die“ im letzten Jahr ein rostiges Gitter zu einem Hingucker gemacht (kleines Foto).

Aber apropos Maybachstraße: Nicht gerade als Streetart-Hotspot bekannt, hat sie doch ein paar Perlen zu bieten. Zwischen kriegsbedingter Baulücke, Abrisscharme und Kreativzentrum entstand im Rahmen des CityLeaks Festivals 2015 das Mural „Bitte jetzt“. Der Künstler Boris Tellegen (*1968), auch als „Delta“ bekannt, stammt aus Amsterdam, wo er Mitte der 80-er Jahre erste Graffiti sprayte, hat Architektur und Design studiert und fasziniert die Kunstwelt mit Gemälden und Skulpturen, die aussehen, als seien sie aus Papier geschnitten und geschichtet.

Wenige Meter weiter kann man das Werk zweier in London lebender und arbeitender Illustratoren bewundern: Marina Muun und Slav Vitanov (Slav Gipsy) haben, unterstützt von ArtyFarty Artspace, im Dezember 2014 eine Hauswand, die zuvor immer wieder beschmiert worden war, mit einem mystischen Motiv verschönert.

Zwei Murals in der Kölner Maybachstraße

Affig

28. Juli 2016 at 14:54

Fernsehturm Colonius und Wandgemälde in KölnZunächst war da der Affe mit dem Schirm. Zumindest war aus dieser Hinterhof-Perspektive im Belgischen Viertel nicht mehr erkennbar.

Über einen Monat später präsentiert sich das Stadtgartenkarree, ein Bürokomplex gegenüber des namensgebenden Parks, als halber Urwald. Und auf 2.000 qm Fläche fast vollständig bemalt. Das Künstlerduo Ron Voigt und John Iven von goodlack art war federführend bei der Ausführung des Projekts der Human Cities-Initiative des Farben-Herstellers Akzo Nobel (Herbol). Das Credo lautet „Unsere Städte sollen schöner und lebenswerter werden!“, weshalb das in Köln ansässige Unternehmen auch das CityLeaks-Festival seit Jahren unterstützt.

Nun also wurde das Stadtgartenkarree verschönert und gleich mit Message versehen: Das Sprichwort „Was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“ steht mehrsprachig auf der Ostseite der Fassade und soll für Toleranz und Zusammenhalt werben. Ich weiß nicht, was dicker aufgetragen ist: Die Farbe oder die Botschaft. – Vor allem versteht sich die Gestaltung aber als Erweiterung und Fortführung des beliebten Stadtgartens, einer Parkanlage mit altem Baumbestand und beliebtem Veranstaltungsort mit Biergarten, über die Straße hinweg und in die Bebauung hinein. Mit wunderschönen Details wie dem kleinen Orang-Utan, einem Kolibri, Schmetterlingen, Blumen und Bäumen.

Fassadengestaltung des Stadtgartenkarrees in Köln durch goodlack art.

Da passt es, dass jemand am Zugang zum Karree-Gelände eine via Stencil mit Affenmotiven besprühte LP angebracht hat und sich die gleichen Figuren in großer Anzahl gegenüber, im echten Stadtgarten, als Objekte in einem Baum wiederfinden. Die Affen kommen Ihnen irgendwie bekannt vor? Gerade in Verbindung mit dem speziellen Rot-Ton? Ich hab’ selbst ’ne Weile gebraucht, bis es mir dämmerte. „12 Monkeys“, der Kinoerfolg aus den 90-ern, ist in (TV-) Serie gegangen. Seit Juni sind die DVDs auch in Deutschland auf dem Markt und RTL Nitro zeigt die Serie ab August. Sagt mir eine google-ähnliche Suchmaschine.

Es handelt sich also schlicht und einfach um eine Promotion-Aktion des Kölner Senders mit den Mitteln und im Stil von Streetart. (Dazu sind auch die Blog-Einträge „Werbebotschaften auf Murals“ und „Kunst vs Komerz“ lesenswert.)

Promotionaktion für "12 Monkeys", getarnt als Streetart

Aber apropos Affen: Das gibt mir die Gelegenheit, einem älteren und längst verschwundenen Wandbild noch mal zu Blog-Ehren zu verhelfen. Das tolle Graffito (unten rechts) fand sich, neben weiteren großartigen Motiven, vor 6 Jahren am Gereonswall. Die Mauer der dortigen Schule konnte – wie Wände im angrenzenden Klingelpütz-Park – legal besprayt werden. 2012 schloss die Hauptschule, zur Zeit wird das Gelände neu bebaut. Einige wenige Graffiti sind innerhalb des Baugeländes noch erhalten. Motiv links daneben: Primark-Primat, ein Paste-up von XES, gesehen in Köln-Mülheim (links oben ein Sticker von Joey). Garantiert promotionfrei.

Primark-Primat von XES und Affen-Graffiti in Köln

Kunst vs. Kommerz

18. Juli 2016 at 17:26

Grace Jones - Wandgemälde von Martin Bender in Köln

Die Wandgemälde von Martin Bender mag ich sehr. Über die neuen Murals, die im Mai in Köln entstanden, habe ich mich gefreut (siehe Blog-Beitrag vom 12.5.). Ok, es sind Auftragsarbeiten, aber das ändert für mich nichts an ihrer Strahlkraft. Überpinselt den Hashtag der jetzt ohnehin in der Vergangenheit liegenden Veranstaltung und gut ist …

Kommerzielles Werbegraffito in KölnDenkste. In der Heliosstraße, wo Bender ein Grace-Jones-Porträt angebracht hat, hat ein erboster Kunstliebhaber ein Statement hinterlassen (siehe Foto). Ich übersetze mal kurz in Schönschrift und grammatikalisch korrekt: „Wir wollen Kunst ohne Kommerz, nicht Scheiß ohne Herz.“ Das bezieht sich vermutlich zum einen auf Benders Auftragsarbeit, zum anderen aber todsicher auf die großflächige Bemalung daneben, die für einen längst im Orbit verschwunden geglaubten Lolli wirbt und auch sonst an derbe Plakativem von Dom über Hennes bis Colonius nicht spart (kleines Bild/kann durch Anklicken größer dargestellt werden).

Für die beiden als bezahlte Werbeflächen bemalten Wandteile musste übrigens ein Mural von Pau Quintanajornet weichen, das – wesentlich unkommerzieller – im Rahmen des CityLeaks Festivals 2011 entstanden war.

Die beiden Bilder mit den kleinen Mädchen, die Frau Jones links und rechts unten auf der Wand flankieren, gehören übrigens nicht zur Werbung. Sie stammen von SeiLeise, der – farblich passend – dem „Kommerz“ damit zwei von niemandem bestellte oder bezahlte Paste-ups hinzufügte oder entgegen stellte – je nach dem, wie man das bewertet.

Past-up von Ass-Soxx in Köln.Der Kölner gibt sich nicht mit dem reinen Betrachten von Streetart zufrieden. Zu meinem großen Amüsement wird auch bewertet und kommentiert. Ein schönes Beispiel findet sich zur Zeit am Brüsseler Platz: Unter dem Pseudonym „Ass-Soxx“ (einfach mal in eine google-ähnliche Suchmaschine eingeben) klebt jemand seit Jahren gezeichnete Manga-Mädchen auf die Wände, die im besseren Fall überaus freizügig, im unschöneren Fall aber pornografisch dargestellt sind. Die zu beanstandenden Stellen werden regelmäßig von Passanten überklebt oder beschädigt. Hier hat jemand aber noch einen passenden Kommentar hinterlassen: „Leute mit offenem Arsch haben wir hier genug.“

Dem ist wenig hinzuzufügen.

Tankman und Neustart in Ehrenfeld

8. Juli 2016 at 16:25

Mural von Captain Borderline in Köln: Tankman

In Sachen „Streetart“ ist Ehrenfeld auf alle Fälle einer der Hotspots in Köln. Hier findet man die meisten und die tollsten Murals, zahllose Paste-ups, Stencils, Graffiti. Einige habe ich in meinem Blog bereits vorgestellt. Dazu kommt eine hohe Dichte von Künstler-Ateliers, die bedingt ist durch die Struktur des alten Arbeiterstadtteils mit seinen vielen ehemaligen Hinterhofwerkstätten. Allerdings ist der Stadtteil auch recht weitläufig und der Mensch neigt ja dazu, immer die gleichen Straßenzüge zu besuchen.

Diese Woche war ich nach langer Zeit mal wieder in einer Ecke Ehrenfelds unterwegs, die nicht so stark frequentiert ist und – ehrlich gesagt – nach wie vor auch wenig einladend daherkommt: Rund um den Kunstverein artmx mit seinem Atelierzentrum (artmx ist auch Organisator des großen Urban Art-Festivals CityLeaks) und des Ehrenfelder Teils der Rheinischen Fachhochschule/RFH. Die artmx-Fassade mit ihren Wandgemälden in unterschiedlichen Stilen ist nicht zu übersehen.

In direkter Nachbarschaft von artmx und RFH findet man ein fantastisches Wandbild der Captain Borderline Crew (Abbildung oben), über die ich schon mehrfach berichtet habe. Im Kölner „China-Jahr“ 2012 entstanden „Tankman“ und weitere politische Wandgemälde in Zusammenarbeit mit Amnesty International und Colorrevolution e.V. als Kritik an der chinesischen Regierung. Das nur auf den ersten Blick naiv-fröhliche Bild „Tankman“ erstrahlt in poppig-frischen Farben wie am ersten Tag und beeindruckt ungemein. Das Bild zitiert das berühmt gewordene Foto vom Tian’anmen-Platz in Peking, wo sich im Juni 1989 ein einzelner Mann mit Einkaufstüten in der Hand der anrückenden Panzerkolonne in den Weg stellt. Im Kölner Wandgemälde sind es Tüten mit Fair Trade-Symbol und der alles überrollende Panzer ist gespickt mit billigem chinesischen Plastikspielzeug. „Made in China 1989“ steht auf bunten Bildschirmen auf seiner Front.

Stencil und Schmierereien an der ecosign Akademie KölnNicht weit entfernt residiert die ecosign Akademie für Gestaltung in zwei zusammengelegten alten Industriegebäuden. Natürlich lässt es sich auch die Designschule nicht nehmen, großflächig die Wände der Einfahrt zu gestalten. Unter dem Titel „Neustart“ kann man mannshohe, in Stencil-Technik gesprühte Figuren sehen und allerhand „gute“ Ratschläge zum Thema Umwelt und Natur lesen. Beispiel: „Bieten Sie Ihrem Nachbarn an, aus seinem Garten eine Monokultur zu machen.“

Ehrenfelder Sprayer haben die Figuren bereits auf ihre Art mit Tags und Sprechblasen „verschönert“ (kleines Foto).

Stencils an der ecosign Akademie Köln

WestArt goes Streetart

19. Juni 2016 at 13:22

WestArt, das Kunst- und Kulturmagazin im Fernsehprogramm des WDR, macht Sommerpause, bietet auf seiner facebook-Seite derweil aber einen prima Service: Alle zwei Tage wird ein Video gepostet, das Street Artists in NRW vorstellt und bei der Erschaffung eines Werkes zeigt. Bislang waren das Christian Böhmer (Mr. Trash, 13.6.), MissMee (15.6.), Captain Borderline (17.6.), Mark Gmehling (heute). Weitere sollen folgen.

WestArt hat in früheren Sendungen mehrfach über Streetart berichtet; die Videos sind auch in der Mediathek des WDR noch bis zum 8. September abrufbar.

Bender für Electronic Beats

12. Mai 2016 at 15:06

Wandgemälde von Martin Bender für Electronic Beats Cologne

Ende April konnte man im Netz bereits einen Blick auf die Entwürfe werfen, jetzt sind die neuen Bilder von Street Artist Martin Bender aus Hagen auf den Kölner Wänden und nicht mehr zu übersehen. Benders sehr eigener Porträt-Stil (siehe auch mein Blog-Eintrag vom 8. März) zieht dabei mal wieder alle Blicke der Passanten auf sich.

Dabei handelt es sich um Auftragsarbeiten, um eine Werbekampagne für das am 18. Mai startende Electronic Beats Festival. Bis zum 22. Mai bietet es mit großem Line-Up fünf Tage lang Musik und Lifestyle an verschiedenen Orten der Stadt und bettet ohnehin stattfindende Events wie ein Modecasting für Le Bloc, Nachtkonsum, Food Market und Streetart-Touren von CityLeaks ins Programm ein. Ärgerlich ist, dass man es nicht mal für nötig befindet, die Website auf Deutsch zur Verfügung zu stellen, wenn das Festival in Deutschland stattfindet.

Mit 30 Litern Grundierung und mehr als 30 Sprühdosen Farbe entstanden durch Martin Bender insgesamt fünf Porträts der musikalischen Headliner des Festivals: Grace Jones, Tony Allen, Chilly Gonzales, Kerri Chandler and Mø. Gonzales‘ Konterfei ziert dabei die komplette Giebelwand eines vierstöckigen Hauses (Bild unten). Das dürfte den kanadischen Musiker, der inzwischen in Köln lebt, ziemlich stolz machen.

Fotos oben: Die dänische Singer-Songwriterin Mø und der amerikanische Musikproduzent und House-DJ Kerri Chandler, frisch auf die Wände gebracht von Martin Bender.

Wandgemälde von Martin Bender: Chilly Gonzales

Der letzte Held der politischen Wandmalerei

10. Mai 2016 at 16:53

Wandgemälde von Klaus Paier (1945-2009) in Köln: Schlacht an der Elsaßstraße

2009 starb in Köln der Graffiti-Künstler Klaus Paier (*1945 in Essen), den Bernhard van Treek, Autor mehrerer Werke über Streetart, als „letzten Helden der politischen Wandmalerei“ bezeichnet hatte. Das ist nicht ganz zutreffend, denn Wandbilder sind auch heute noch oft politisch geprägt. Nicht nur in Südamerika, wo die Muralismo-Bewegung ihren Ursprung hatte, auch in Deutschland dienen Murals nicht ausschließlich der Verschönerung des öffentlichen Raumes. Aus Köln ist besonders das Captain Borderline Kollektiv zu nennen, das mit Wandgemälden und Installationen politische und gesellschaftskritische Themen verarbeitet.

Wandgemälde von Klaus Paier (1945-2009) in Köln: Mann in GelbKlaus Paier war mit seinen Bildern einer der Vorreiter der Streetart-Bewegung. Zunächst seit 1978 in Aachen, wo er Physik studiert hatte, später dann in Köln malte er im Schutz der Dunkelheit seine stets eckig wirkenden Figuren und Szenen auf triste graue Wände. Es ging um Atomkraft, Faschismus, Immobilienspekulanten. Themen, die also nach wie vor hoch aktuell sind. Paier war noch mit Pinsel und Farbe unterwegs, ohne Sprühdose. Als „Aachener Wandmaler“ fand er Eingang in die Kunst-Welt.

Die meisten seiner über 100 Werke sind längst verschwunden; übermalt, weggeätzt, abgerissen oder einfach dem Verfall preisgegeben. Die wenigen erhaltenen scheinen immerhin einigen Paier-Enthusiasten und Kunstfreunden schützenswert. In Aachen wurde schon vor längerer Zeit sein „Liebespaar“ unter Denkmalschutz gestellt. Weitere sollen dort folgen.

In Köln wurde Klaus Paier ab Anfang der 80-er Jahre bekannt, konnte sogar einige Wände ganz offiziell bemalen. Auch hier ist allerdings nach über 30 Jahren nicht allzu viel erhalten. Drei Paier-Wandgemälde habe ich aktuell an öffentlich sichtbaren Wänden gefunden:

Das bekannteste Paier-Gemälde in Köln ist „Die Schlacht an der Elsaßstraße“ (großes Bild oben), 1983 auf die Wand des Hochbunkers in der gleichnamigen Straße der Südstadt gemalt. Es greift eine Begebenheit aus dem Jahr 1933 auf, als SA-Truppen, die die Machtübernahme durch die Nazis mit einem Umzug feiern wollten, von den Bewohnern der Straße aus den Fenstern mit allem beworfen wurden, was an Hausrat als Wurfmaterial dienlich schien: Vom Nudelholz über Blumentöpfe bis zum Nachttopf war alles darunter. Über 70 Bewohner wurden festgenommen, Wohnungen verwüstet.

Dieses Werk von Klaus Paier bleibt leider nicht vom Vandalismus durch Sprayer verschont. Ansonsten achten die Anwohner bis heute sehr darauf, dass es nicht komplett unter die Räder kommt oder gar entfernt wird. Auch das war seitens der Stadt schon mal geplant.

Wandgemälde von Klaus Paier (1945-2009) in Köln: Afrika brennt

Aus Paiers Zyklus „Südafrika brennt“, ebenfalls aus den 80-er Jahren, ist mindestens noch ein Werk in Köln erhalten: Auf einem Abrissgelände im Belgischen Viertel fand ich dieses Bild von einem angebundenen Mann, auf den ein zähnefletschender Hund losgelassen wird. – Und nicht zuletzt der Mann in Gelb (kleines Foto) ist seit vielen Jahren für jeden sichtbar, der auf der Luxemburger Straße unterwegs ist.

Ein ernstes Mädchen

11. März 2016 at 22:09

Wandmemalung Ivana Hoffmann in Köln-Deutz

Da musste ich auch erstmal eine google-ähnliche Suchmaschine bemühen. Aber die Wandbemalung am Deutzer Rheinufer, an der ich heute zufällig vorbei radelte, war nicht zu übersehen und machte mich neugierig.

„Ivana Hoffmann – eine von uns“ steht etwas schwer lesbar neben dem Graffiti-Porträt einer jungen Frau. Ich gebe zu, mir war der Name nicht bekannt. Die Recherche-Maschine ergab diese Geschichte, die zufällig genau ein Jahr her ist:

Ivana Hoffman, Tochter einer Deutschen und eines Togolesen, wurde 1995 in Emmerich geboren und lebte in Duisburg. Schon früh engagierte sie sich gegen Rassismus und Sexismus und wurde später Mitglied einer kurdischen kommunistischen Partei. Sie reiste 2015 aus Deutschland aus, um sich den Kurden in ihrem Kampf gegen den IS anzuschließen (unter den kurdischen „Volksverteidigungs-Einheiten“ sind 30 bis 40 Prozent Frauen). „Sie hatte ein sehr stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. … Sie hat gesagt, man kann nicht untätig hier sitzen, wenn anderswo Menschen ermordet und unterdrückt werden.“ Das erzählte ein Freund in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Ivana Hoffmann soll am Kampf um die Stadt Kobane beteiligt gewesen sein. In Tell Tamer, an der syrischen Grenze, kam sie schließlich bei einem Gefecht mit dem IS um’s Leben. Sie wurde nur 19 Jahre alt.

Und plötzlich machen einige andere Graffiti Sinn, die ich in den letzten Monaten in anderen Stadtteilen sah, aber nicht einordnen konnte. So wurden an vielen Stellen Hammer und Sichel auch in gut situierten, bürgerlichen Stadtteilen gesprayt und in Sülz las ich auf einer Hauswand „Ivana ist unsterblich“ (Foto).

Graffiti Ivana Hoffmann in Köln-Sülz

Ihr früher Tod und die traurige Tatsache, dass sie als erste Deutsche gilt, die im Kampf gegen den IS starb, verhalfen Ivana Hoffmann zu einem Wikipedia-Eintrag.

In der Mediathek kann man den ZDF-Beitrag aus der Nachrichten-Sendung „Neute Nacht“ vom 12. März 2015 noch mal anschauen, der die junge Frau aus Duisburg als „ein ernstes Mädchen“ beschreibt.