Harald Oskar Naegeli: „Hommage“

30. Oktober 2017 at 21:50

Dem nach wie vor quicklebendigen Urahn aller europäischen Street Artists, Harald Naegeli (*1939), habe ich vor einem knappen Jahr einen ausführlichen Beitrag gewidmet (unter diesem Link zu finden). Damals gab es in seiner Wahlheimatstadt Düsseldorf eine Solo-Ausstellung.

Letzten Freitag eröffnete in der Kulturkirche Ost in Köln-Buchheim die neueste Schau seiner Werke unter dem Titel „Harald Oskar Naegeli: Hommage“. Der Namensgeber selbst wurde erwartet, war aber leider erkankt. Zahlreiche Schaulustige waren in die Kulturkirche gekommen, wo es neben zahlreichen Fotos von Naegelis gesprühten Werken in Düsseldorf von Fotograf Wolfgang Spiller auch Zeichnungen von Naegeli auf Papier zu sehen gibt.

Die Ausstellung, in der alle Bilder käuflich zu erwerben sind (der Erlös kommt sozialen Zwecken zugute), läuft nur noch bis zum 9.11.

Mein Foto zeigt ein Naegeli-Werk in Düsseldorf.

Gesprühter Flamingo von Harald Naegeli in Düsseldorf. Foto von Regina Arentz

Go West, nach Ehrenfeld!

26. August 2017 at 17:25

Was Urban Art angeht, ist Köln-Ehrefeld gerade der heißeste Hotspot des Landes, denn das TransUrban-Festival ist angekommen in der Stadt und hat mit Straßengold und CityLeaks starke Mitstreiter.

Gerade wird noch fleißig an neuen Murals gemalt und gesprüht, da findet auf dem Heliosplatz, dem baldigen Abrissgelände zwischen Underground, Industriebrachen und Graffiti-Wänden im Schatten des Ehrenfelder Wahrzeichens, des Helios-Turmes, die Opening Party mit tollen Programm, Srüh-Aktionen, Lichtkunst, DJs etc. statt. In der Halle der Heliosstraße 37 startet dann auch die Gruppenausstellung YAKMOZ. Ein erster Blick während des Aufbaus war schon sehr vielversprechend. Das Programm geht heute bis in die Nacht.

Blick in die Gruppenausstellung YAKMOZ

Blick in die Gruppenausstellung YAKMOZ

Einige westliche Ecken weiter im gleichen Stadtteil eröffnete gestern Abend die diesjährige Straßengold-Ausstellung, in der zahlreiche Street Artists und Streetart-Fotografen ihre Werke präsentieren und zum Kauf anbieten. Und es ist wieder einmal eine großartig gelungene Sache geworden, die Tim Ossege mit seinen Mitstreitern da auf die Beine gestellt hat. Die Liste der Ausstellenden ist sehr lang, daher greife ich hier nur einen heraus: Robi the Dog. Der im letzten Jahr verstorbene Künstler aus der Schweiz wird mit einigen Werken noch einmal gebührend gewürdigt.

Teil der Straßengold-Ausstellung 2017 im Atelierzentrum Ehrenfeld

Teil der Straßengold-Ausstellung 2017 im Atelierzentrum Ehrenfeld

Dumb in der Straßengold-Ausstellung 2017 im Atelierzentrum Ehrenfeld

Dumb in der Straßengold-Ausstellung 2017

Parallel zur Straßengold-Ausstellung haben sich in den letzten Tagen qualitativ sehr hochwertige Paste-ups in mehreren Kölner Stadtteilen explosionsartig vermehrt. Haltet mal die Augen auf!

Im Bunker k101 beginnt heute die Fotoausstellung „Urban Voyer“ von Ingo Trapphagen. Und auch die gleichzeitig dort startende „Tape Art Exhibition – Tape That“ verspricht großartige Kunst.

AEC Interesni Kazki bei der Arbeit: Entstehendes Mural an der Vogelsanger Straße in Ehrenfeld

AEC Interesni Kazki bei der Arbeit: Entstehendes Mural an der Vogelsanger Straße

AEC Interesni Kazki (Aleksei Bordusov) konnte ich bereits gestern Abend auf dem Hubwagen stehend bei der Arbeit am neuen Mural an der Vogelsanger Straße beobachten, als wir mit Hunderten anderer Fahrradfahrer im Rahmen der monatlich stattfindenden Fahrraddemo „Critical Mass“ vorbeiradelten. Heute war das Wandbild des Ukrainers schon ein wenig weiter fortgeschritten, aber noch lange nicht fertig. Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis und werde es später in diesem Blog vorstellen.

Street Artists JuMu, Isakov und Krashkid bei der Arbeit in Köln

Street Artists JuMu, Isakov und Krashkid bei der Arbeit

Alexander Isakov bei der Arbeit an einem neuen Wandbild in Köln

Alexander Isakov bei der Arbeit an einem neuen Wandbild in Köln

Alexander Isakov bei der Arbeit an einem neuen Wandbild in KölnAuch drei neue Wandgemälde in der Heliosstraße waren noch in der Mache, als ich meine Bilder aufnahm. Drei völlig unterschiedliche Künstler mit unterschiedlichen Stilen, die übrigens vorwiegend mit dem Pinsel malen und nicht sprühen. Hier entdecke ich JuMu wieder, deren südamerikanisch geprägte Motive mir schon bei der diesjährigen Millerntor Gallery in Hamburg aufgefallen waren, und erfahre, dass die studierte Modedesignerin als freiberufliche Künstlerin in Köln lebt. Daneben steht Alexander Isakov aus Hannover und malt Stunde um Stunde mit Hilfe eines großen Lineals seine faszinierenden grafischen Motive an die Wand, die von Weitem aussehen wie mit einem überdimensionalen Kugelschreiber auf ein riesiges Blatt Papier gemalt. Der dritte im Bunde ist Krashkid aus Hamburg, der ein Wandbild in seinem typischen flächigen Illustrations-Stil verwirklicht. Die drei bilden zusammen ein Künstlerkollektiv.

Paste-up von Zoon am Eingang zum Heliosgelände Ehrenfeld

Paste-up von Zoon am Eingang zum Heliosgelände

In den kommenden Tagen werde ich noch einige Fotos von interessanten neuen Streetart-Pieces nachreichen. Und am 1. September startet dann auch noch das diesjährige CityLeaks-Festival, diesmal mit Schwerpunkt rund um den Ebertplatz. Da gibt es bestimmt auch noch eine Menge zu berichten …

Streetart-Hotspot Unionviertel Dortmund

17. Juli 2017 at 22:25
Mural von The London Police (UK/NL) in Dortmund

Mural von The London Police (UK/NL)

Dortmund, größte Stadt des Ruhrgebiets. Fußball, Bier, Industriekultur. Arbeitslosigkeit, Armut. Dass Dortmund aber auch ein Hotspot der urbanen Kunst ist, wissen nur wenige. Noch dazu konzentriert sich eine erstklassige und vielfältige Ansammlung von Murals, Stencils, Graffiti & Co. in einem einzigen Viertel: dem Unionviertel, benannt nach der ehemaligen Union-Brauerei, von der nur noch der sieben Stockwerke umfassende und 70 Meter hohe ehemalige Gär- und Lagerkeller mit dem weithin sichtbaren riesigen „U“ auf dem Dach steht. Heute ist das „U“ Kunst- und Kulturzentrum, Partyort, Videospielfläche für Adolf Winkelmann, Museum, Beachclub und Millionengrab. Das angrenzende Viertel hatte lange einen schlechten Ruf und war so weit runtergekommen, dass es sich bis heute noch nicht erholt hat. Die niedrigen Mieten bringen seit einiger Zeit allerdings viele junge Menschen und Kreative ins Viertel, das sich langsam wandelt.

Am Eingang zum Unionviertel von der Innenstadt aus gesehen befindet sich die 44309 Street//Art Gallery, die viel zur Verschönerung der umliegenden Straßen beiträgt. Zwar ist hier nicht gerade die zahlungskräftige Kundschaft für zeitgenössische Kunst zu Hause (man verkauft eher an auswärtige Kunden), aber die teils renommierten Künstler, die hier ausstellen (viele kommen aus dem Urban-Art-Umfeld) werden eingeladen, im Unionviertel Kunst im öffentlichen Raum zu hinterlassen. Künstler und Crews aus aller Welt haben bereits Hauswände im Unionviertel bemalt. Nicht alle Wandgemälde im Viertel wurden von der Galerie in Auftrag gegeben, und daher umfasst ein Lageplan, der vor Ort gerne zur Verfügung gestellt wird, nur die „eigenen“ Wände, aber man kann das Viertel gut in wenigen Stunden ablaufen und entdeckt so mehr oder weniger zufällig auch die anderen Gemälde. Hier und da muss man sich dazu in fragwürdige Hinterhöfe wagen oder auf das Gelände einer alten Schule, aber es lohnt sich. Die alte Schule in der Adlerstraße war bis vor kurzem Flüchtlingsunterkunft und man musste erst beim Sicherheitsdienst fragen, ob man auf das Gelände kann. Inzwischen wurde die Unterkunft mangels Bedarf geschlossen und die großartigen farbenfrohen Gemälde von Telmo & Miel (Niederlande) und L7m (Brasilien) müssten wieder frei zugänglich sein.

In der Adlerstraße findet sich auch das Wandgemälde des polnischen Duos Sepe & Chazme, das in großartiger Weise mit den umliegenden grauen Gebäuden „spielt“. Sepe & Chazme verdanken wir in Köln ebenfalls zwei beeindruckende Murals: eines im belgischen Viertel und das andere in Ehrenfeld.

Eine besondere Beziehung pflegt man im Unionviertel zur französischen Stencil-Legende Blek le Rat (Xavier Prou), seit dessen Sohn Alexandre in der 44309 Street//Art Gallery ein Praktikum absolvierte. Und so kann man im direkten Umfeld der Galerie zwei lebensgroße Stencil-Figuren von Blek le Rat finden. Aber auch MAD C war da, L7 m ist gleich mit zwei Wänden vertreten, Alice Pasquini mit dreien. Leider habe auch ich keine Gesamt-Übersicht über die bemalten Wände, ich habe bei meinen bislang zwei Wanderungen durch’s Viertel noch nicht alles gesehen. Aber eine Auswahl meiner Entdeckungen packe ich in eine umfangreiche Bildergalerie unter diesen Beitrag. Sie zeigt sehr gut die große Vielfalt und Bandbreite zwischen Kunst, Kunsthandwerk und Fingerübung, die man im Unionviertel finden kann und bildet nicht nur die großen Murals ab, sondern auch kleine Fundstücke wie Kacheln und Stromkästen. Wie immer gilt: Streetart ist für den Moment und nicht unbedingt von ewiger Dauer.

Mural von Belin (Spanien) im Dortmunder Unionviertel

Mural von Belin (Spanien)

Stencil von Blek le Rat (Frankreich) im Dortmunder Unionviertel

Stencil von Blek le Rat (Frankreich)

Mural von Sepe & Chazme (Polen) im Dortmunder Unionviertel

Mural von Sepe & Chazme (Polen)

Mural von Mark Gmehling HYPE im Dortmunder Unionviertel

Mural von Mark Gmehling (Dortmund): HYPE

Teilansicht Mural von Claudia Ethos (Brasilien) im Dortmunder Unionviertel

Teilansicht eines Wandgemäldes von Claudia Ethos (Brasilien)

 

Bonner Lochfraß

18. Juni 2017 at 17:51

 

Graffiti im "Bonner Loch" im Juni 2017.

Wie das immer so ist: Was in den 70-er Jahren ein topschickes Bauwerk war oder zumindest so gemeint, galt 20 Jahre später als Bausünde und muss nochmal 20 Jahre später dringend weg. So geht es auch dem Gebäudekomplex gegenüber des Bonner Hauptbahnhofs und dem verrufenen angrenzenden „Bonner Loch“, dem Zugang zu den U-Bahn-Linien mit Unterführung zum Bahnhof.

Ich kann mich gar nicht an eine Zeit erinnern, in der das Ganze mal „schön“ war oder in einer guten Weise „funktioniert“ hat. Der ganze Komplex war schon in meiner Jugend lediglich bekannt als Treffpunkt für Drogenszene, Obdachlose, Alkoholiker und die kleinen Läden, die ursprünglich mal Leben in die versifften unterirdischen Passagen bringen sollten, waren schon damals im besten Fall abgewrackte Pizza- oder Dönerbuden. Oft standen Ladenflächen aber einfach leer.

Derzeit läuft der Abriss auf Hochtouren. Von der Südüberbauung neben dem Busbahnhof ist fast nichts mehr übrig, das „Bonner Loch“ ist noch unangetastet von den Baggern. Bis zum Abriss ist der Platz aber immerhin ein bisschen freundlicher geworden: Ende Mai hat eine Gruppe junger Künstler der Alanus Hochschule für Kunst unter dem Titel „Bonner Luftloch“ den Platz mit Einverständnis der Stadt und Unterstützung durch einige Bonner Geschäfte künstlerisch verschönert. Das größte Werk ist dabei ein „Wasserfall“, der in einer aufgemalten Wasserfläche endet. In ihr spiegelt sich (ebenfalls aufgemalt) der blaue Himmel. Am meisten beeindruckt hat mich allerdings das Gemälde von „APHE“ (Olli Hollatz). Es zeigt eine alte Frau, die auf einer Kuckucksuhr reitet und ist vielfältig interpretierbar.

Graffito von APHE am "Bonner Loch" seit Mai 2017.

Eins noch zur Neubebauung, denn auch das ist irgendwie wie immer und überall: Es ist nicht zu erwarten, dass das Neue nachhaltiger sein wird als das Alte. Und da ich der Presse entnehme, dass ein großer Teil des neuen Baus ausgerechnet an Primark vermietet werden soll, dann weiß ich, dass die Bonner Entscheider nichts aus den Fehlern der anderen Städte gelernt haben. Aber so produziert halt jedes Jahrzehnt seine eigenen Bausünden und jede Stadt wiederholt die Fehler der anderen statt daraus zu lernen.

Urban Art im Detail im "Bonner Loch" im Juni 2016.

Einen guten Artikel zu den Graffiti am Bonner Loch findet man beim Bonner General-Anzeiger unter diesem Link.

Raucher unter sich

13. April 2017 at 23:05

Stromkastenmotiv von Henning Hüttner

Neulich stolperte ich über diesen bemalten Stromkasten im Belgischen Viertel Kölns. Herrlich, wie der Sprayer Henning Hüttner hier die Position unterhalb eines Zigarettenautomatens aufgreift.

Vor ein paar Monaten waren zuvor hässlich-graue und beschmierte Stromkästen auf den teuren Shoppingstraßen der Innenstadt und im Belgischen Viertel gefühlt „über Nacht“ in knallbunte Farben getaucht worden. Obwohl es in Köln in vielen Stadtteilen ganz offiziell bemalte Kästen in verschiedenen Stilen von den unterschiedlichsten Künstlerinnen und Künstlern gibt, stachen mir diese besonders ins Auge. Die Motive sind groß, sehr klar und eigentlich simpel. Viele greifen des Kölners Lieblingsthema auf: Seine Heimatstadt. Der Grafik-Designer Henning Hüttner hat seine Werke alle selbstbewusst und großflächig mit seiner Webadresse versehen.

Henning Hüttner hat in Köln schon zahlreiche Tor-Einfahrten und Hausfassaden mit Motiven versehen, zum Beispiel mit dem Porträt Lukas Podolskis (auf der Zülpicher Straße), Tünnes und Schäl, Dom, Colonius, Geißbock & Co. (auf der Aachener Straße). Auch die bunte Fassade von Unity Media und der Rolladen bei den Beef Brothers auf der Aachener Straße stammen von ihm. Ich habe, weil es recht zahlreiche Motive sind, unten eine kleine Bildergalerie angefügt.

Die „frechen Früchtchen“, die Eiswaffel und der Cheeseburger-Querschnitt, in die Hüttner einige der Stromkästen verwandelt hat, erinnern mich ein wenig an die „essbaren“ Stromkästen in Wuppertal-Barmen, über die ich im Blog-Beitrag am 16. Juni 2016 berichtet habe.

R2D2 am Eigelstein

29. März 2017 at 20:52

Graffiti am Kölner EigelsteinVor kurzem erst entdeckt: Diese Hinterhofmauer am Eigelstein, ein Kölner Viertel, in das ich eher selten komme. Obwohl es, gerade bei schönem Wetter, wirklich nett ist, auf dem Platz vor dem alten Stadttor in einer der zahlreichen Cafés, Kneipen und Restaurants zu sitzen und das bunte Treiben zu beobachten.

Graffiti am Kölner Eigelstein: Star Wars R2D2

Morphose126 (… und abends mit Beleuchtung)

10. Februar 2017 at 22:22

Graffiti von Tubuku bei "Morphose126" im Menk-Werk Monheim.„Wir laden Sie zum öffentlichen Genießen von Graffiti und Lichtspielen bei Menk ein.“ Etwas hölzern klingt es auf dem Flyer zum Event MORPHOSE126, aber was es zu sehen und zu erleben gab, war ein Streetart-Event der Spitzenklasse. Ausgerechnet das kleine Städtchen Monheim am Rhein, nördlich von Köln gelegen, wurde nämlich am vergangenen Wochenende zum Hotspot der Graffiti-Szene. Und das kam so:

Jahrzehntelang hatte die Firma Menk Beton auf einem großen Gelände in Monheim produziert. Nun aber sollen einige Gebäude abgerissen und das Areal teilweise neu bebaut werden. Zuvor nutzte das Kunst- und Design-Kollektiv TUBUKU aus Krefeld, bestehend aus Alex Weigandt und Jaroslaw Masztalerz, die zuvor schon bei der Aktion „Bunte Stadt Monheim“ dabei waren, die Gunst der Stunde und machte aus den zum Abriss freigegebenen Hallen und Werkstätten in vierwöchiger Arbeit bei teils eisigen Temperaturen ein Gesamtkunstwerk. Unterstützt wurden sie dabei von einer lange Reihe von Graffiti-Künstlern und anderen Street Artists. TUBUKU nennt die Künstler Semor the mad one, Pout, Hoker Artwork, David Wallmann, Marko „ZS“ Leckzut Graffitigestaltungen, Salih Gül Gül, David Breddin, Karl Heinz Swaggert, Chrico.arts, Kolja Kunstreich, Forrest Dreizehndreißig, Oner Oldhaus, Birne Birne, Crenk Art und Norm/ab_artig Artwork u. Design und Crenk Art auf seiner facebook-Seite; vor Ort sah ich zusätzlich auch Streetart von Joiny und sehr viele „Ghosts“ von Pdot.

Ab dem 6. Februar sollten die Abriss-Bagger anrücken. Aber noch am 5. wurde fleißig gesprüht und gepinselt und halb Monheim war gekommen, von „seinem“ Menk-Werk Abschied zu nehmen und die vergängliche Kunst der Sprayer anzusehen. Ganze Familien waren unterwegs, Kinder und Rentner gleichermaßen fasziniert von teils riesigen Wandgemälden und genial in die Gestaltung einbezogenem Gerät und Mobiliar. Ich konnte mich kaum sattsehen und es gab unendlich viele tolle Fotomotive, daher hänge ich ganz unten noch ein zusätzliches Album an.

Wie gerne hätte man kurzerhand einen Tieflader bestellt, um die Kunstwerke abzutransportieren, statt sie am nächsten Tag den Baggern preiszugeben. Hier schien das Motto „Größer, bunter, besser“ gelautet zu haben, aber die Fotos sprechen – wie ich meine – für sich.

Graffiti Eichhörnchen bei "Morphose126" im Menk-Werk Monheim.Graffiti von ZSONEMOTER bei "Morphose126" im Menk-Werk Monheim.Streetart im Innenraum bei "Morphose126" im Menk-Werk Monheim.Graffiti bei "Morphose126" im Menk-Werk Monheim.Bemalte Hauswände bei "Morphose126" im Menk-Werk Monheim.Graffiti von BRNZN bei "Morphose126" im Menk-Werk Monheim.Zur Aktion ist ein tolles Video auf youtube zu sehen, das auch dank Drohnen-Kamera entstand, die unablässig das Gelände überflog. Bei Einbruch der Dunkelheit starteten dann Projektionen und Lichtspiele auf und in den Gebäuden, was der Aktion noch mal einen ganz eigenen Zauber verlieh.

Unten: Beeindruckender, ca. 5 Meter hoher „Joker“ von ZS (links) und Graffiti des ansonsten auf Sticker und Paste-ups spezialisierten Karl Heinz Swaggert (Mitte). Schade, dass es auf Spray-Cans kein Pfand gibt 😉

Graffiti bei "Morphose126" im Menk-Werk Monheim.Link zum Bericht in der Rheinischen Post.

Und hier noch weitere Motive in einer Bildergalerie (können durch Anklicken vergrößert werden):

Graffiti-Galerie während der Passagen

18. Januar 2017 at 14:02

Die so genannten „Passagen„, die mit 200 über die Stadt verteilten Locations als größte deutsche Design-Veranstaltung gelten und 2017 schon zum 28. Mal und parallel zur Internationalen Möbelmesse imm stattfinden, haben eine eigene „Abteilung“ für die Gegend rund um den Gottesweg zwischen den Straßenbahnlinien 18 in Sülz und 12 in Zollstock: Design / 18 /12

Unterteilt werden die Stadtteile Sülz und Zollstock durch eine DB-Unterführung, die während der Passagen-Woche zur Galerie umfunktioniert ist. Letzten Sonntag gestalteten Sprayer die mit Planen abgehängten Flächen. Am kommenden Sonntag (22.1.), dem letzten Passagen- und Design / 18 / 12-Tag werden diese Planen zugunsten der Aktion „Ticket für Kurze“ des Comedia-Theaters versteigert. Mit den Tickets werden auch Kindern aus sozial schwachen Familien Besuche im Theater ermöglicht.

Foto: Sprayer bei der Arbeit in der Unterführung am Gottesweg.

Graffiti in der DB-Unterführung am Gottesweg während der Passagen 2017

Graffiti machen Schule

11. Januar 2017 at 20:01

Wandbemalung an einer Schule in Köln-Höhenhaus (Mittwochsmaler)Wandbemalung an einer Schule in Köln-Höhenhaus (Mittwochsmaler) Wandbemalung an einer Schule in Köln-Höhenhaus (Mittwochsmaler) Wandbemalung an einer Schule in Köln-Höhenhaus (Mittwochsmaler)Höhenhaus ist ein Kölner Stadtteil im Stadtbezirk Mülheim, den vermutlich sogar viele Kölner maximal vom Hörensagen kennen. Sehenswürdigkeiten sind hier, auf der rechten Rheinseite und weit weg vom Fluss, rar; hier tobt nicht gerade das Leben, man ist weder arm noch reich, weder hip noch übermäßig spießig. Das nicht negativ gemeinte „kleinbürgerlich“ trifft’s vielleicht am besten. Zum arbeiten fährt man woanders hin, der Feierabend findet im Reihenhausgarten statt. Places to be? Fehlanzeige. Aber die so genannte „Finnensiedlung“ sollte man bei schönem Wetter mal besuchen.

In so einem Stadtteil ist man überrascht, wenn sich irgendwo Streetart zeigt. Noch dazu so großflächig wie auf der Mauer der Förderschule am Thymianweg. Hier waren die Mittwochsmaler am Werk, über die ich hier schon berichtet habe. Die Graffiti in ganz unterschiedlichen Stilen bilden auf der lang gezogenen Außenmauer ein harmonisches Bild durch die Verwendung von nur wenigen und in allen Motiven gleichen Farben. Inhaltlich beschäftigen sie sich mit dem Thema „Bildung“ (alle Bilder oben).

Um weitere bunte Wände zu finden, bedarf es der Tipps von Einheimischen. Das Jugendzentrum der Kirchengemeinde „Zur heiligen Familie“ ist großflächig mit Graffiti versehen und entlang der S-Bahn-Strecke, sehr versteckt, scheint sich die Nachbarschaft in der Bemalung ihrer Garagen überbieten zu wollen. Wie hübsch oder hässlich das ist, mag der Betrachter selbst entscheiden:

Alte und neue Garagen-Bemalungen in Köln-Höhenhaus Garagen-Bemalung in Köln-HöhenhausDie Gestaltung der Garage mit dem Baby im Urwald stammt von Martin Heuwold alias MEGX. Seit 2002 lebt der Wuppertaler von seiner Graffiti-Kunst. Am bekanntesten dürfte die „Lego-Brücke“ in seiner Heimatstadt sein, die einen Teil der Nordbahntrasse bildet. Die Lego-Brücke hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag und wurde von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ 2013/14 ausgezeichnet. Mein Foto von der Brücke (unten) stammt aus dem letzten Sommer.

"Lego-Brücke" in Wuppertal von MEGX

Nachtrag (21.01.2017): Die Gestaltung der Garage mit den Schmetterlingen und Traumfängern in Köln-Höhenhaus stammt von Angus78.

Harald Naegeli: Und er sprüht immer noch

4. Dezember 2016 at 10:03

Zwei Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf Anfang 2016.Jetzt ist er also doch noch ins Museum gekommen mit seiner Kunst: Harald Naegeli, „Sprayer von Zürich“, Wegbereiter der europäischen Streetart, Dadaist, der am heutigen Tag (happy birthday!) 77 Jahre alt wird. Das Düsseldorfer Stadtmuseum widmet ihm, dem Wahl-Düsseldorfer, eine Solo-Ausstellung, die noch bis zum 1.1.2017 zu sehen ist. „Harald Naegeli – Der Prozess“ heißt sie. Und da muss man für die später Geborenen vielleicht ein wenig ausholen. Immerhin waren die meisten Sprayer von heute Anfang der 80-er Jahre, als Naegeli große Schlagzeilen machte, noch gar nicht geboren.

Ein kurzer Abriss der Geschehnisse:
Ende der 70-er Jahre sprayte Naegeli, damals noch unerkannt, in Zürich rätselhafte große Strichmännchen an Gebäude im öffentlichen Raum. Keine Wand war vor ihm sicher, was die Schweizer natürlich nicht amüsant fanden. Man setzte sogar eine Art Kopfgeld aus. Irgendwann wurde „Der Sprayer von Zürich“ mehr oder minder zufällig erwischt und wegen „Sachbeschädigung an 192 öffentlichen und privaten Gebäuden“ verurteilt. Nachdem er sich nicht um eine Bewährungsstrafe scherte und weiter sprayte, dann schließlich zu einer Geld- und einer Gefängnisstrafe von 9 Monaten. Zürich wollte ein Exempel statuieren. Naegeli floh nach Deutschland, wo er viele Unterstützer aus der Kunstszene hatte; ein internationaler Haftbefehl erging. Trotz Protesten und Solidaritätsbekundungen bis hin zu Joseph Beuys und Willy Brandt wurde Naegeli 1984 an die Schweiz ausgeliefert. Das Bundesverfassungsgericht hatte entschieden. Nach 6-monatiger Haft kehrte er nach Deutschland zurück und ließ sich endgültig in Düsseldorf nieder.

„Wo er bis heute im Schutz der Dunkelheit auf Häuserwände und Mauern seine markanten Figuren sprayt“, muss man die Geschichte ergänzen. In mehreren Düsseldorfer Stadtteilen trifft man auch 2016 noch die dynamischen, meist schwarzen und manchmal weißen Linienfiguren (Fotoleisten oben und unten: Aufnahmen von Februar 2016). Man kann davon ausgehen, dass sie von Naegeli selbst stammen, nicht von Nachahmern, aber bislang hieß es immer, der Künstler bekenne sich nicht „offiziell“ zu den Graffiti. Aus gutem Grund, denn nach wie vor handelt es genau genommen um Sachbeschädigung. Auch wenn einige Düsseldorfer Kunstfreunde die Werke gern konservieren möchten, es gibt andere, die es sich zur Aufgabe machen, Naegelis filigrane Wesen schnellst möglich zu entfernen, auch, um nicht weitere Sprayer unnötig zu motivieren, ihre Tags zu hinterlassen. Ganz nach dem Motto: „Ist das von Naegli, also Kunst, oder kann das weg?“ Daheim in Zürich ist er längst rehabilitiert; die letzten verbliebenen und verblichenen Graffiti wurden restauriert und konserviert.

Strichmännchen-Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf Anfang 2016.Im letzten Jahr noch schmunzelte ich darüber, wie Naegeli, der sich selbst einerseits in der Tradition der Dadaisten und andererseits in der der Höhlenmaler sieht, seine Werke in das Düsseldorfer Kunstmseum K20 „geschmuggelt“ hat (er hat einfach zwei Strichmännchen ungefragt ins Treppenhaus gemalt; die Rheinische Post berichtete). Jetzt dokumentiert also das Stadtmuseum sein Wirken in einer gut besuchten Ausstellung. Angefangen von den kopierten Prozessakten der Schweizer über sämtliche „Beweisfotos“ seiner Gesetzesverstöße in Zürich und große Mengen dokumentierter Naegeli-Wesen auf Düsseldorfer Betonwänden kann man seine Sprüh-Werke von 1979 bis heute betrachten und vergleichen. Sie umringen Naegelis andere künstlerische Arbeiten wie beispielsweise die „Urwolken“, filigrane Strich-Zeichnungen, an denen er teils über Jahre immer wieder arbeitet und die damit in größt möglichem Kontrast zu den sekundenschnellen Graffiti stehen. Naegelis Art der Meditation sind diese Wolken.

Und dann ist da noch eine Art Atelier aufgebaut. Tatsächlich kommt der Künstler jeden Tag vorbei, unterhält sich mit Besuchern, zeichnet, arbeitet, sucht den Kontakt, skizziert Leute. Leider hatte ich nicht das Glück, Harald Naegeli vor Ort anzutreffen („zur Zeit kommt er meist am späten Nachmittag rein; es gibt da keine festen Zeiten“). Was hätte er wohl zu der Besucherinnen-Gruppe gesagt, die zeitgleich mit mir durch die Ausstellung geführt wurde? Alte Damen, zwischen 70 und 80, und alle schauen sich fasziniert Fotos von gesprühten Strichmännchen an. Gerne hätte ich ihn gefragt, ob er denn nun zugibt, dass die in der Ausstellung gezeigten fotografierten Graffiti von ihm stammen. Immerhin hängen sie ja in einer Ausstellung, die seinen Namen trägt.

Wie Naegeli als Staatsfeind hier und Künstler dort angesehen wurde, ist wirklich interessant. Oder dass er mit seinen Sprühaktionen schon Ende der 70-er Jahre Kritik an hässlichen, grauen, zubetonierten und naturfernen Lebenswelten der Städte übte, was zahllose Street Artists später in ihrer Kunst aufgriffen. 1986 reagierte Naegeli auf den Chemieunfall der Firma Sandoz mit dem „Totentanz der Fische“ am Rhein, Ende der 80er startete er mehrere Aktionen gegen Tierversuche in Venedig. Seine Kunst ist immer auch politisch.

Köln hat auch seine besondere, große und vor allem frühe Naegeli-Geschichte. Die möchte ich aber in einem gesonderten Beitrag erzählen … Stay tuned!
Vogel-Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf im Dezember 2016.Bilder oben: Ungewöhnlich „bunt“, aber bei diesen beiden Vögeln in Rot und Pink, die sich im direkten Umfeld des Stadtmuseums finden, war ebenfalls Harald Naegeli am Werk.