Harald Naegeli: Und er sprüht immer noch

4. Dezember 2016 at 10:03

Zwei Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf Anfang 2016.Jetzt ist er also doch noch ins Museum gekommen mit seiner Kunst: Harald Naegeli, „Sprayer von Zürich“, Wegbereiter der europäischen Streetart, Dadaist, der am heutigen Tag (happy birthday!) 77 Jahre alt wird. Das Düsseldorfer Stadtmuseum widmet ihm, dem Wahl-Düsseldorfer, eine Solo-Ausstellung, die noch bis zum 1.1.2017 zu sehen ist. „Harald Naegeli – Der Prozess“ heißt sie. Und da muss man für die später Geborenen vielleicht ein wenig ausholen. Immerhin waren die meisten Sprayer von heute Anfang der 80-er Jahre, als Naegeli große Schlagzeilen machte, noch gar nicht geboren.

Ein kurzer Abriss der Geschehnisse:
Ende der 70-er Jahre sprayte Naegeli, damals noch unerkannt, in Zürich rätselhafte große Strichmännchen an Gebäude im öffentlichen Raum. Keine Wand war vor ihm sicher, was die Schweizer natürlich nicht amüsant fanden. Man setzte sogar eine Art Kopfgeld aus. Irgendwann wurde „Der Sprayer von Zürich“ mehr oder minder zufällig erwischt und wegen „Sachbeschädigung an 192 öffentlichen und privaten Gebäuden“ verurteilt. Nachdem er sich nicht um eine Bewährungsstrafe scherte und weiter sprayte, dann schließlich zu einer Geld- und einer Gefängnisstrafe von 9 Monaten. Zürich wollte ein Exempel statuieren. Naegeli floh nach Deutschland, wo er viele Unterstützer aus der Kunstszene hatte; ein internationaler Haftbefehl erging. Trotz Protesten und Solidaritätsbekundungen bis hin zu Joseph Beuys und Willy Brandt wurde Naegeli 1984 an die Schweiz ausgeliefert. Das Bundesverfassungsgericht hatte entschieden. Nach 6-monatiger Haft kehrte er nach Deutschland zurück und ließ sich endgültig in Düsseldorf nieder.

„Wo er bis heute im Schutz der Dunkelheit auf Häuserwände und Mauern seine markanten Figuren sprayt“, muss man die Geschichte ergänzen. In mehreren Düsseldorfer Stadtteilen trifft man auch 2016 noch die dynamischen, meist schwarzen und manchmal weißen Linienfiguren (Fotoleisten oben und unten: Aufnahmen von Februar 2016). Man kann davon ausgehen, dass sie von Naegeli selbst stammen, nicht von Nachahmern, aber bislang hieß es immer, der Künstler bekenne sich nicht „offiziell“ zu den Graffiti. Aus gutem Grund, denn nach wie vor handelt es genau genommen um Sachbeschädigung. Auch wenn einige Düsseldorfer Kunstfreunde die Werke gern konservieren möchten, es gibt andere, die es sich zur Aufgabe machen, Naegelis filigrane Wesen schnellst möglich zu entfernen, auch, um nicht weitere Sprayer unnötig zu motivieren, ihre Tags zu hinterlassen. Ganz nach dem Motto: „Ist das von Naegli, also Kunst, oder kann das weg?“ Daheim in Zürich ist er längst rehabilitiert; die letzten verbliebenen und verblichenen Graffiti wurden restauriert und konserviert.

Strichmännchen-Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf Anfang 2016.Im letzten Jahr noch schmunzelte ich darüber, wie Naegeli, der sich selbst einerseits in der Tradition der Dadaisten und andererseits in der der Höhlenmaler sieht, seine Werke in das Düsseldorfer Kunstmseum K20 „geschmuggelt“ hat (er hat einfach zwei Strichmännchen ungefragt ins Treppenhaus gemalt; die Rheinische Post berichtete). Jetzt dokumentiert also das Stadtmuseum sein Wirken in einer gut besuchten Ausstellung. Angefangen von den kopierten Prozessakten der Schweizer über sämtliche „Beweisfotos“ seiner Gesetzesverstöße in Zürich und große Mengen dokumentierter Naegeli-Wesen auf Düsseldorfer Betonwänden kann man seine Sprüh-Werke von 1979 bis heute betrachten und vergleichen. Sie umringen Naegelis andere künstlerische Arbeiten wie beispielsweise die „Urwolken“, filigrane Strich-Zeichnungen, an denen er teils über Jahre immer wieder arbeitet und die damit in größt möglichem Kontrast zu den sekundenschnellen Graffiti stehen. Naegelis Art der Meditation sind diese Wolken.

Und dann ist da noch eine Art Atelier aufgebaut. Tatsächlich kommt der Künstler jeden Tag vorbei, unterhält sich mit Besuchern, zeichnet, arbeitet, sucht den Kontakt, skizziert Leute. Leider hatte ich nicht das Glück, Harald Naegeli vor Ort anzutreffen („zur Zeit kommt er meist am späten Nachmittag rein; es gibt da keine festen Zeiten“). Was hätte er wohl zu der Besucherinnen-Gruppe gesagt, die zeitgleich mit mir durch die Ausstellung geführt wurde? Alte Damen, zwischen 70 und 80, und alle schauen sich fasziniert Fotos von gesprühten Strichmännchen an. Gerne hätte ich ihn gefragt, ob er denn nun zugibt, dass die in der Ausstellung gezeigten fotografierten Graffiti von ihm stammen. Immerhin hängen sie ja in einer Ausstellung, die seinen Namen trägt.

Wie Naegeli als Staatsfeind hier und Künstler dort angesehen wurde, ist wirklich interessant. Oder dass er mit seinen Sprühaktionen schon Ende der 70-er Jahre Kritik an hässlichen, grauen, zubetonierten und naturfernen Lebenswelten der Städte übte, was zahllose Street Artists später in ihrer Kunst aufgriffen. 1986 reagierte Naegeli auf den Chemieunfall der Firma Sandoz mit dem „Totentanz der Fische“ am Rhein, Ende der 80er startete er mehrere Aktionen gegen Tierversuche in Venedig. Seine Kunst ist immer auch politisch.

Köln hat auch seine besondere, große und vor allem frühe Naegeli-Geschichte. Die möchte ich aber in einem gesonderten Beitrag erzählen … Stay tuned!
Vogel-Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf im Dezember 2016.Bilder oben: Ungewöhnlich „bunt“, aber bei diesen beiden Vögeln in Rot und Pink, die sich im direkten Umfeld des Stadtmuseums finden, war ebenfalls Harald Naegeli am Werk.

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