Freie Sicht auf die Kunst

13. Dezember 2016 at 23:08

Baustelle an der Christianstraße mit Mural von Friedrich Benzler (Benten).Zwischen Christianstraße und Leyendeckerstraße in Köln-Ehrenfeld wird gebaut. Brachflächen sind rar und es wundert nur, dass dieses große Grundstück inmitten von Gewerbebetrieben und alten Industriehallen so lange unbebaut bleiben durfte.

Sommers stand hier das Gras hüfthoch und aus dem richtigen Winkel bildeten das Ehrenfelder Wahrzeichen, der Leuchtturm in der Heliosstraße, und der Fernsehturm Colonius eine optische Einheit (Bild unten links).

Noch gibt es freie Sicht auf die Wandgemälde von Friedrich Benzler (Benten) und das gemeinsame Werk von Smash137 aus der Schweiz und ZEDZ aus den Niederlanden (oben am rechten Bildrand), aber das wird sich sicher bald ändern. 2013 entstand das Mural von Benten in Zusammenarbeit mit Colorrevolution e.V.  „Any Europeans should see behind the wall“ ist der Titel des 8 x 6 Meter großen Bildes. Der 1980 geborene Graffiti-Künstler Benten lebt und arbeitet in Chemnitz.

Gelände rund um die Christianstraße mit Mural von Benten, Blick auf Heliosturm und Colonius.

 

Warum?!

10. Dezember 2016 at 20:11

Nichts ist für die Ewigkeit (Binsenweisheit 1), Streetart schon gar nicht (Binsenweisheit 2). Ist bekannt.

Da war man mal ein paar Wochen nicht in Ehrenfeld und dann sind sie plötzlich weg: Alle Wandbilder der – teils überaus prominenten – Streetart-Vertreter, die wenige Jahre die Wand einer Kfz-Werkstatt in der Heliosstraße zierten. Schon vor einiger Zeit waren die beiden Flächen von Pau verschwunden, übermalt mit kommerzieller Werbung im Stil von Streetart (siehe Blog-Eintrag vom 15.07.2016). Ein noch kürzeres Gastspiel hatte das Bild von El Bocho. Jetzt sind auch die restlichen Bilder weg. Die Wand grau getüncht und dann … ziemlich „abstrakt“ … übermalt. Von wegen „Schönes bleibt“. Aber warum?!

Was bleibt, sind Fotos der Werke. Ich habe da mal was zusammengesucht:

mittenimwald_mural_ehrenfeldmittenimwald_details_ehrenfeldMural des Hamburger Street Artist’ mitteninwald (oben) bzw. Detailaufnahmen der aufwändig per Stenciltechnik gesprayten Wand.

decycle_mural_ehrenfelddecycle_xxxhibition_mural_ehrenfeldMural des Düsseldorfers decycle, noch neu (oben) und nach Hinzufügen des Bombers durch den Kölner Künstler xxxhibition.

pau_mural_ehrenfeldMural von Pau Quintanajornet. Leider ist es mir nie gelungen, die Wand mal ohne parkende Autos zu fotografieren.

mondmann_mural_ehrenfeldMural des Kölner Graffiti-Künstlers Mondmann (oben). Und so sieht die Wand im Ganzen heute aus:

uebermalte_mauer_heliosstrasseEine gute Übersicht über Streetart in Köln-Ehrenfeld (Stand: Sommer 2016) gibt übrigens die Seite „Dosenkunst“ in drei Teilen (Teil 1: „I have a dream“, Teil 2, teils mit Bildern aus dem Belgischem Viertel, Teil 3: Monumentales).

Schöne Bescherung bei der Kunstagentin

8. Dezember 2016 at 21:55

Eine „Schöne Bescherung“ gibt es auch in dieser Vor- und Nach-Weihnachtszeit wieder bei der Kunstagentin, einer sehr feinen Galerie in Kölns Belgischem Viertel. Anne Scherer und ihr Team zeigen immer wieder großartige Künstler aus den Zwischenbereichen von Streetart | Urban Art und Fine Art.

Heute war Vernissage zum neuesten Coup. In der aktuellen Ausstellung, die noch bis zum 28. Januar 2017 zu sehen ist, präsentiert die Galerie die beiden deutschen Künstler EVOL und Stefan Strumbel, die US-Amerikanerinnen Swoon (Caledonia Curry) und Maya Hayuk sowie den Schweizer Adrian Falkner.

"Kamayura" Blockdruck von Swoon bei der KunstagentinVon Swoon, die mit großen Paste-ups als Street Artist bekannt wurde, gibt es zwei Blockdrucke auf Mylar (einem Polyester-Material), 2,36 und 2,34 Meter (!) groß, die mit Acrylfarbe coloriert und in kleinteiliger Arbeit ausgeschnitten wurden (siehe Foto). Mit jeweils 20.000 Euro sind sie noch nicht die teuersten Werke der Ausstellung. Das liefert Stefan Strumbel mit der Skulptur „Carry me home“. Für den kleineren Geldbeutel gibt es gesprayte Werke von ihm oder seine originellen qietschbunten Kukuksuhren. Auch Karl Lagerfeld nennt schon eine sein Eigen.

Maya Hayuk ist mit drei ihrer faszinierenden Acryl-gemalten Werken auf Holz vertreten. Zwei davon bestehen aus den für sie typischen farbenfrohen geometrischen Mustern, die sie so berühmt gemacht haben.

Am meisten fasziniert haben mich aber die Bilder von EVOL. Bilder aus und auf benutzten Umzugs- oder Versandkartons haben ja gerade Konjunktur, aber jeder Künstler und jede Künstlerin, die diesen Untergrund benutzt, hat etwas sehr Eigenes. EVOL nun malt fotorealistische Hausfassaden langweiliger Wohnblocks auf den graubraunen Karton und bindet beschädigte und abgenutzte Kartonstellen in sein Werk ein. Absolut sehenswert!

Harald Naegeli: Und er sprüht immer noch

4. Dezember 2016 at 10:03

Zwei Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf Anfang 2016.Jetzt ist er also doch noch ins Museum gekommen mit seiner Kunst: Harald Naegeli, „Sprayer von Zürich“, Wegbereiter der europäischen Streetart, Dadaist, der am heutigen Tag (happy birthday!) 77 Jahre alt wird. Das Düsseldorfer Stadtmuseum widmet ihm, dem Wahl-Düsseldorfer, eine Solo-Ausstellung, die noch bis zum 1.1.2017 zu sehen ist. „Harald Naegeli – Der Prozess“ heißt sie. Und da muss man für die später Geborenen vielleicht ein wenig ausholen. Immerhin waren die meisten Sprayer von heute Anfang der 80-er Jahre, als Naegeli große Schlagzeilen machte, noch gar nicht geboren.

Ein kurzer Abriss der Geschehnisse:
Ende der 70-er Jahre sprayte Naegeli, damals noch unerkannt, in Zürich rätselhafte große Strichmännchen an Gebäude im öffentlichen Raum. Keine Wand war vor ihm sicher, was die Schweizer natürlich nicht amüsant fanden. Man setzte sogar eine Art Kopfgeld aus. Irgendwann wurde „Der Sprayer von Zürich“ mehr oder minder zufällig erwischt und wegen „Sachbeschädigung an 192 öffentlichen und privaten Gebäuden“ verurteilt. Nachdem er sich nicht um eine Bewährungsstrafe scherte und weiter sprayte, dann schließlich zu einer Geld- und einer Gefängnisstrafe von 9 Monaten. Zürich wollte ein Exempel statuieren. Naegeli floh nach Deutschland, wo er viele Unterstützer aus der Kunstszene hatte; ein internationaler Haftbefehl erging. Trotz Protesten und Solidaritätsbekundungen bis hin zu Joseph Beuys und Willy Brandt wurde Naegeli 1984 an die Schweiz ausgeliefert. Das Bundesverfassungsgericht hatte entschieden. Nach 6-monatiger Haft kehrte er nach Deutschland zurück und ließ sich endgültig in Düsseldorf nieder.

„Wo er bis heute im Schutz der Dunkelheit auf Häuserwände und Mauern seine markanten Figuren sprayt“, muss man die Geschichte ergänzen. In mehreren Düsseldorfer Stadtteilen trifft man auch 2016 noch die dynamischen, meist schwarzen und manchmal weißen Linienfiguren (Fotoleisten oben und unten: Aufnahmen von Februar 2016). Man kann davon ausgehen, dass sie von Naegeli selbst stammen, nicht von Nachahmern, aber bislang hieß es immer, der Künstler bekenne sich nicht „offiziell“ zu den Graffiti. Aus gutem Grund, denn nach wie vor handelt es genau genommen um Sachbeschädigung. Auch wenn einige Düsseldorfer Kunstfreunde die Werke gern konservieren möchten, es gibt andere, die es sich zur Aufgabe machen, Naegelis filigrane Wesen schnellst möglich zu entfernen, auch, um nicht weitere Sprayer unnötig zu motivieren, ihre Tags zu hinterlassen. Ganz nach dem Motto: „Ist das von Naegli, also Kunst, oder kann das weg?“ Daheim in Zürich ist er längst rehabilitiert; die letzten verbliebenen und verblichenen Graffiti wurden restauriert und konserviert.

Strichmännchen-Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf Anfang 2016.Im letzten Jahr noch schmunzelte ich darüber, wie Naegeli, der sich selbst einerseits in der Tradition der Dadaisten und andererseits in der der Höhlenmaler sieht, seine Werke in das Düsseldorfer Kunstmseum K20 „geschmuggelt“ hat (er hat einfach zwei Strichmännchen ungefragt ins Treppenhaus gemalt; die Rheinische Post berichtete). Jetzt dokumentiert also das Stadtmuseum sein Wirken in einer gut besuchten Ausstellung. Angefangen von den kopierten Prozessakten der Schweizer über sämtliche „Beweisfotos“ seiner Gesetzesverstöße in Zürich und große Mengen dokumentierter Naegeli-Wesen auf Düsseldorfer Betonwänden kann man seine Sprüh-Werke von 1979 bis heute betrachten und vergleichen. Sie umringen Naegelis andere künstlerische Arbeiten wie beispielsweise die „Urwolken“, filigrane Strich-Zeichnungen, an denen er teils über Jahre immer wieder arbeitet und die damit in größt möglichem Kontrast zu den sekundenschnellen Graffiti stehen. Naegelis Art der Meditation sind diese Wolken.

Und dann ist da noch eine Art Atelier aufgebaut. Tatsächlich kommt der Künstler jeden Tag vorbei, unterhält sich mit Besuchern, zeichnet, arbeitet, sucht den Kontakt, skizziert Leute. Leider hatte ich nicht das Glück, Harald Naegeli vor Ort anzutreffen („zur Zeit kommt er meist am späten Nachmittag rein; es gibt da keine festen Zeiten“). Was hätte er wohl zu der Besucherinnen-Gruppe gesagt, die zeitgleich mit mir durch die Ausstellung geführt wurde? Alte Damen, zwischen 70 und 80, und alle schauen sich fasziniert Fotos von gesprühten Strichmännchen an. Gerne hätte ich ihn gefragt, ob er denn nun zugibt, dass die in der Ausstellung gezeigten fotografierten Graffiti von ihm stammen. Immerhin hängen sie ja in einer Ausstellung, die seinen Namen trägt.

Wie Naegeli als Staatsfeind hier und Künstler dort angesehen wurde, ist wirklich interessant. Oder dass er mit seinen Sprühaktionen schon Ende der 70-er Jahre Kritik an hässlichen, grauen, zubetonierten und naturfernen Lebenswelten der Städte übte, was zahllose Street Artists später in ihrer Kunst aufgriffen. 1986 reagierte Naegeli auf den Chemieunfall der Firma Sandoz mit dem „Totentanz der Fische“ am Rhein, Ende der 80er startete er mehrere Aktionen gegen Tierversuche in Venedig. Seine Kunst ist immer auch politisch.

Köln hat auch seine besondere, große und vor allem frühe Naegeli-Geschichte. Die möchte ich aber in einem gesonderten Beitrag erzählen … Stay tuned!
Vogel-Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf im Dezember 2016.Bilder oben: Ungewöhnlich „bunt“, aber bei diesen beiden Vögeln in Rot und Pink, die sich im direkten Umfeld des Stadtmuseums finden, war ebenfalls Harald Naegeli am Werk.

Magic City in Dresden verlängert

3. Dezember 2016 at 14:04

Die große Urban Art Ausstellung „Magic City„, über die ich hier am 5. November ausführlich berichtet habe, wird verlängert. Sie bleibt noch bis zum 5. März 2017 im Kultur-Quartier Zeitenströmung in Dresden, bevor sie ihre Tour durch Deutschland beginnt.

In der Vorweihnachtszeit gibt es zudem interessante Ticket-Angebote für Familien.

Blick in die Ausstellungshalle der "Magic City"-Ausstellung in Dresden.Die Firma cewe, Online-Druckerei und größter Fotobuch-Anbieter Deutschlands, hat einen Fotowettbewerb gestartet: „Die Magie meiner Stadt“. Einsendeschluss für die urbanen Impressionen ist der 8. Januar 2017. Hauptgewinn ist eine Reise nach New York!