Magic City Dresden. Oder?

5. November 2016 at 20:58

magiccity_madc_caps2Am 1. Oktober eröffnete in Dresden eine in ihrer Art bislang einzigartige große Streetart-Ausstellung: „Magic City – Die Kunst der Straße“. Kuratiert von Carlo McCormick (New York) und auf die Beine gestellt von einem großen Team, zeigt „Magic City“ in einer sanierten Industriehalle in Dresdens „Kultur-Quartier Zeitenströmung“ auf 2.500 qm Werke von 42 Einzelkünstlern und Crews aus aller Welt. Das Besondere hieran ist: Fast alle gezeigten Kunstwerke entstanden vor Ort in der Halle. Die eingeflogenen Künstler malten, sprühten und werkelten vor Ort, größtenteils zeitgleich, was man sich ein bisschen wie ein arbeitsreiches Klassentreffen der Streetart vorstellen darf. Das Portal „Brooklyn Street Art“ zeigte kurz vor Eröffnung eine interessante Fotoserie, die die Künstler bei der Arbeit zeigt.

Warum Dresden? Da wurde geredet von der tollen Streetart-Szene der Stadt oder davon, wie wichtig es sei, ein „anderes“ Dresden als das seit Monaten die Presse beherrschende zu zeigen. Nun ist die ziemlich alternative und in besserem Sinne „szenige“ Dresdner Neustadt tatsächlich viel bunter und kreativer als der Rest der Welt glauben möchte oder es der Pauschaltourist je zu sehen bekommen wird. Aber bei „Streetart-Szene“ denkt man zuerst an andere deutsche Städte, als eine der ersten sicher an das nahe gelegene Leipzig. Und ein „anderes“ Dresden … ja, sicher. Ich denke: Das Magic City-Ding muss halt irgendwo mal anfangen, denn es soll auf Tournee gehen. Und Dresden bot da einen – vermeintlich – guten Standort. Doch dazu später mehr.

magiccity_andersgjennestadBis zum 8. Januar 2017 ist Dresden noch die Magische Stadt, danach zieht die Ausstellung weiter. Denn alle Werke befinden sich auf mehr oder minder mobilen Wänden und können auf LKW verfrachtet werden. Als nächste Station ist ab April 2017 München angeteasert. Wann die Magic City zu uns nach Köln kommt, ist noch nicht bekannt.

Sehenswert ist die sehr international besetzte Ausstellung allemal: Die in New York lebende Japanerin Aiko, die einen ganzen Rotlichtraum (Ü18) gestaltete, war da und das Kollektiv AKRylonumérik aus Paris mit multimedialer Kunst, die zum Mitmachen einladen soll, im Eingangsbereich meines Erachtens aber ungut platziert ist, auch. Asbestos aus Irland ist vertreten, Comic-, Tattoo- und Mural-Künstler Mark Bode aus San Francisco, das Duo Yok & Sheryo und Qi Xinghua mit seinen großen Drachenköpfen aus China.

Sehenswerte Installationen und Skulpturen, teils politisch-kritisch, teils einfach nur Auge und Hirn schmeichelnd, gibt es von Ernest Zacharevic aus Litauen, Ben Heine aus Belgien, SpY und Isaac Cordal aus Spanien oder Icy and Sot aus dem Iran zu bewundern. Bordalo aus Portugal verblüfft mit dem wandfüllenden Bild einer Ratte, die komplett aus Müll besteht.

Lokale Künstler wurden in Dresden nicht vergessen: Claudia Walde, die unter ihrem Künstlernamen „MadC“ eine große Wand aus 45.000 bunten Spray-Caps gestaltet hat, stammt aus Bauzen. Die Dresdner Andy K und Jens Besser, Street Artists und Initiatoren des Dresdner Urban-Art-Festivals „LackStreicheKleber“, sind auch dabei. Benuz, der aus Mexiko stammende Wahl-Dresdner, dessen sehr eigene Kalligrafie-Graffiti man im Stadtbild ausmachen kann, ist ebenfalls mit einer eigenen Wand in der Ausstellung vertreten.

magiccity_herakutDen Kölner freut ein Wiedersehen mit Werken von Herakut (Foto oben) und ROA. Das weltweit agierende deutsche Künstlerduo Herakut, das in Köln für die wundervolle Fassade „Ohne dich würd ich mich nicht traun“ am BüZe Ehrenfeld verantwortlich ist, hat auch für die Magic City wieder eine riesige Wand voll Mystik und Schönheit geschaffen. ROA aus Belgien ist in Köln für die zunächst viel diskutierte Fassade („Darf man das? Muss das sein? Ist das nicht zu pervers?“) mit dem gehäuteten Hasen verantwortlich, mit dem sich die Ehrenfelder Nachbarschaft aber bald arrangierte. In Dresden zeigt er ebenfalls leicht morbide Tiermotive, die man auf- und zuklappen und so von „außen“ wie als Sekelett betrachten kann.

Blickfang im ersten Drittel der Halle ist das Kinderkarussell der in Schlesien geborenen Künstlerin OLEK, die in New York lebt. Es ist komplett eingehäkelt. Eine eigene Abteilung der Ausstellung widmet sich der Geschichte der Streetart bzw. des Graffiti, angefangen von ersten Tags bis hin zu komplett besprühten U-Bahn-Wagen. Der New Yorker Künstler und Graffiti-Fotograf Henry Chalfang öffnete dazu sein Archiv.

Einen Schwerpunkt setzt die Magic City auf raumfüllende 3-D-Bilder, also gesprühte Werke, die von einem bestimmten Punkt im Raum aus absolut plastisch wirken. „Amorphe Street Art“ nennt sich das Ganze. Die Kamera, die man prima täuschen kann, fängt das übrigens noch besser ein als das menschliche Auge. Man kann die dreidimensionalen Werke begehen; ein spielerischer Umgang mit der Kunst ist hier nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich erwünscht und es macht Spaß, sich gegenseitig in den Werken zu fotografieren oder zu filmen. Die Werke von Truly, Juandres Vera, Replete, Odeith und Leon Keer sind in meiner Bildergalerie unten zu sehen. Über die Entstehung des Werkes von Juandres Vera gibt es im eigenen youtube-Channel der Magic City ein interessantes Video.

magiccity_aufstellerÜberhaupt lassen die Macher nichts an Werbung über die sozialen Kanäle aus und die Berichte in den Medien nichts zu wünschen übrig. Die Monate in Dresden werden von zahlreichen Workshops, Führungen und Vorträgen begleitet. Und ich betone es gerne: „Magic City“ ist sehens- und eine Anreise wert. Aber so richtig toll laufen will es scheinbar nicht. An einem Dienstag waren wir mindestens eine Stunde lang die einzigen Besucher, danach kamen zwei weitere. Ein Grund könnten die hohen Eintrittspreise sein: 16 EUR am Wochenende und 14 EUR in der Woche sind sehr viel Geld für eine Ausstellung, gerade in Sachsen. Touristen lockt man nur schwer in ein außerhalb gelegenes Industriegebiet, zumal, wenn (bis heute) nirgends vermerkt ist, wie man als Ortsunkundiger überhaupt hinkommt zur Magic City (Tram-Linien 7 und 8 bis „Heeresbäckerei“ oder S-Bahn Richtung Klotzsche/Flughafen bis „Industriegelände“). Aber am meisten unterschätzt hat man vermutlich das Gemüt des Eingeborenen, der Neuerungen gegenüber zwar nicht gänzlich unaufgeschlossen ist, aber gerne erstmal abwartet, wie sich die Dinge entwickeln. Dem Dresdner und Umland-Bewohner ist nämlich jede Form von „Hype“ suspekt. Hipster mit Fusselbärten? Fehlanzeige. Sehr erfrischend ist das.

Bleibt also zu hoffen, dass der Ausstellung nicht vorschnell die Puste ausgeht und sie weiterziehen kann über das Land. Sie ist nicht repräsentativ, ist keine Dokumentation von „Street Art in ihrer ganzen Vielfalt“ (so der Werbespruch), aber eine sehenswerte, inspirierende und bunt gemischte Auswahl nationaler und internationaler Künstler, die „irgendwie irgendwas“ mit Streetart zu tun haben.