Affig

28. Juli 2016 at 14:54

Fernsehturm Colonius und Wandgemälde in KölnZunächst war da der Affe mit dem Schirm. Zumindest war aus dieser Hinterhof-Perspektive im Belgischen Viertel nicht mehr erkennbar.

Über einen Monat später präsentiert sich das Stadtgartenkarree, ein Bürokomplex gegenüber des namensgebenden Parks, als halber Urwald. Und auf 2.000 qm Fläche fast vollständig bemalt. Das Künstlerduo Ron Voigt und John Iven von goodlack art war federführend bei der Ausführung des Projekts der Human Cities-Initiative des Farben-Herstellers Akzo Nobel (Herbol). Das Credo lautet „Unsere Städte sollen schöner und lebenswerter werden!“, weshalb das in Köln ansässige Unternehmen auch das CityLeaks-Festival seit Jahren unterstützt.

Nun also wurde das Stadtgartenkarree verschönert und gleich mit Message versehen: Das Sprichwort „Was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“ steht mehrsprachig auf der Ostseite der Fassade und soll für Toleranz und Zusammenhalt werben. Ich weiß nicht, was dicker aufgetragen ist: Die Farbe oder die Botschaft. – Vor allem versteht sich die Gestaltung aber als Erweiterung und Fortführung des beliebten Stadtgartens, einer Parkanlage mit altem Baumbestand und beliebtem Veranstaltungsort mit Biergarten, über die Straße hinweg und in die Bebauung hinein. Mit wunderschönen Details wie dem kleinen Orang-Utan, einem Kolibri, Schmetterlingen, Blumen und Bäumen.

Fassadengestaltung des Stadtgartenkarrees in Köln durch goodlack art.

Da passt es, dass jemand am Zugang zum Karree-Gelände eine via Stencil mit Affenmotiven besprühte LP angebracht hat und sich die gleichen Figuren in großer Anzahl gegenüber, im echten Stadtgarten, als Objekte in einem Baum wiederfinden. Die Affen kommen Ihnen irgendwie bekannt vor? Gerade in Verbindung mit dem speziellen Rot-Ton? Ich hab’ selbst ’ne Weile gebraucht, bis es mir dämmerte. „12 Monkeys“, der Kinoerfolg aus den 90-ern, ist in (TV-) Serie gegangen. Seit Juni sind die DVDs auch in Deutschland auf dem Markt und RTL Nitro zeigt die Serie ab August. Sagt mir eine google-ähnliche Suchmaschine.

Es handelt sich also schlicht und einfach um eine Promotion-Aktion des Kölner Senders mit den Mitteln und im Stil von Streetart. (Dazu sind auch die Blog-Einträge „Werbebotschaften auf Murals“ und „Kunst vs Komerz“ lesenswert.)

Promotionaktion für "12 Monkeys", getarnt als Streetart

Aber apropos Affen: Das gibt mir die Gelegenheit, einem älteren und längst verschwundenen Wandbild noch mal zu Blog-Ehren zu verhelfen. Das tolle Graffito (unten rechts) fand sich, neben weiteren großartigen Motiven, vor 6 Jahren am Gereonswall. Die Mauer der dortigen Schule konnte – wie Wände im angrenzenden Klingelpütz-Park – legal besprayt werden. 2012 schloss die Hauptschule, zur Zeit wird das Gelände neu bebaut. Einige wenige Graffiti sind innerhalb des Baugeländes noch erhalten. Motiv links daneben: Primark-Primat, ein Paste-up von XES, gesehen in Köln-Mülheim (links oben ein Sticker von Joey). Garantiert promotionfrei.

Primark-Primat von XES und Affen-Graffiti in Köln

Wo Architektur Fragen aufwirft

27. Juli 2016 at 19:16

Mosaik von Invader in der Kölner Innenstadt

In meiner Stadt wirft die Architektur oft Fragen auf: Fragen wie „Muss das so?“, „Soll das so?“, „Darf das?“ oder einfach „Warum?!“.

Streetart von Invader, Mr. Smile, Pdot und Joiny in KölnDa ist es doch schön, wenn Streetart den fragwürdig zusammengeschusterten Bauten und Bauensembles zumindest auf einigen Quadratzentimetern etwas Fröhlichkeit entgegensetzt, wie hier der Invader an der Alten Wallgasse in der Innenstadt.

Tritt man ein paar Schritte zurück, sieht man, dass noch mehr Helden die Szenerie bevölkern: Joiny, Pdot und Mr. Smile sind als Sticker vertreten.

Eine lange Ausführung über Invader in Köln gibt es in meinem Blog-Beitrag vom 28.01.2016 nachzulesen.

Kunst vs. Kommerz

18. Juli 2016 at 17:26

Grace Jones - Wandgemälde von Martin Bender in Köln

Die Wandgemälde von Martin Bender mag ich sehr. Über die neuen Murals, die im Mai in Köln entstanden, habe ich mich gefreut (siehe Blog-Beitrag vom 12.5.). Ok, es sind Auftragsarbeiten, aber das ändert für mich nichts an ihrer Strahlkraft. Überpinselt den Hashtag der jetzt ohnehin in der Vergangenheit liegenden Veranstaltung und gut ist …

Kommerzielles Werbegraffito in KölnDenkste. In der Heliosstraße, wo Bender ein Grace-Jones-Porträt angebracht hat, hat ein erboster Kunstliebhaber ein Statement hinterlassen (siehe Foto). Ich übersetze mal kurz in Schönschrift und grammatikalisch korrekt: „Wir wollen Kunst ohne Kommerz, nicht Scheiß ohne Herz.“ Das bezieht sich vermutlich zum einen auf Benders Auftragsarbeit, zum anderen aber todsicher auf die großflächige Bemalung daneben, die für einen längst im Orbit verschwunden geglaubten Lolli wirbt und auch sonst an derbe Plakativem von Dom über Hennes bis Colonius nicht spart (kleines Bild/kann durch Anklicken größer dargestellt werden).

Für die beiden als bezahlte Werbeflächen bemalten Wandteile musste übrigens ein Mural von Pau Quintanajornet weichen, das – wesentlich unkommerzieller – im Rahmen des CityLeaks Festivals 2011 entstanden war.

Die beiden Bilder mit den kleinen Mädchen, die Frau Jones links und rechts unten auf der Wand flankieren, gehören übrigens nicht zur Werbung. Sie stammen von SeiLeise, der – farblich passend – dem „Kommerz“ damit zwei von niemandem bestellte oder bezahlte Paste-ups hinzufügte oder entgegen stellte – je nach dem, wie man das bewertet.

Past-up von Ass-Soxx in Köln.Der Kölner gibt sich nicht mit dem reinen Betrachten von Streetart zufrieden. Zu meinem großen Amüsement wird auch bewertet und kommentiert. Ein schönes Beispiel findet sich zur Zeit am Brüsseler Platz: Unter dem Pseudonym „Ass-Soxx“ (einfach mal in eine google-ähnliche Suchmaschine eingeben) klebt jemand seit Jahren gezeichnete Manga-Mädchen auf die Wände, die im besseren Fall überaus freizügig, im unschöneren Fall aber pornografisch dargestellt sind. Die zu beanstandenden Stellen werden regelmäßig von Passanten überklebt oder beschädigt. Hier hat jemand aber noch einen passenden Kommentar hinterlassen: „Leute mit offenem Arsch haben wir hier genug.“

Dem ist wenig hinzuzufügen.

Joiny: Streetart op Kölsch

17. Juli 2016 at 21:05

Großes Paste-up von Joiny mit Blick auf den Kölner Dom 2015.

Handgefertigte Sticker von Joiny und OlfLupin im Jahr 2013.Joiny, das kleine Mädchen mit der großen Tüte, taucht seit 2013 auf den Kölner Straßen auf. Damals war sie noch nicht ausgewachsen und sah etwas ungelenk gezeichnet aus (siehe kleines Foto; rechts ein Sticker von Olf Lupin). Von Anfang an kommentierte sie ihre Umgebung mit frechen Sprüchen. Auf meinem alten Foto sprach sie Artikel 4 des Rheinischen Grundgesetztes, „Wat fott es, es fott“ noch Hochdeutsch aus.

Aus der kleinen Joiny mit dem zu großen Kopf ist eine hoch gewachsene junge Dame geworden, die nach wie vor für jede Situation und jede Wand, auf der sie klebt, den passenden Spruch parat hat. Auf Kölsch. Ich habe ein paar schöne Beispiele aus der jüngsten Zeit zusammengestellt, denn Joiny ist in diesem Sommer ganz besonders aktiv.
Mehrere Beispiele für Paste-ups von "Joiny" in Köln 2016.

Bilderleiste 1 (von links nach rechts):
„Dat bliev unger uns!“, Cäcilienstraße.
„Steht he un sät nix!“, Museum für verwandte Kunst.
„Dat weed ne schöne Tag!“(links) und Sticker (rechts).
„Wat en superjeile Zick!“, Holweider Straße.

Mehrere Beispiele für Paste-ups von "Joiny" in Köln 2016.
Bilderleiste 2 (von links nach rechts):
„Mäht nix!“ (unter einem Sticker von Make8: „Ick hab nix gemacht“).
„Schwad nit! Dat jeiht“, Museum für verwandte Kunst.
Kleines Joiny-Ensemble an einem Weinladen.
„Drink doch ene met“, Kneipe „Zum goldenen Schuss“ (links neben Paste-up von SeiLeise).

Joiny gibt es in verschiedenen Größen, sie wird normalerweise als Paste-up oder Sticker geklebt. Das bislang größte ist sage und schreibe 4 Meter hoch. Selten wird sie vom Künstler, der anonym bleiben möchte, direkt auf die Wand gemalt. Ein Foto findet sich in meinem Blog-Beitrag vom 10. April.
Mehrere Beispiele für Paste-ups und Stickern von "Joiny" in Köln.
Bilderleiste 3 (von links nach rechts):
Joiny wünschte an Silvester einen guten Rutsch (daneben Sticker von Planet Selfie).
Sarkastischer Kommentar von Joiny zu einem traurigen Paste-up von Louva must die.
Sticker „Echt Kölsch Joiny“.
Eine Joiny im Manga-Outfit (links daneben ein Paste-up von Tuk) in der Heliosstraße. Jemand hat ihr nachträglich noch ein kleines Krönchen verpasst.

Im Stadtbild ist Joiny derzeit unglaublich präsent, was nicht nur an den bunten Paste-ups (ja, Joiny liebt wild gemusterte Kleider) liegt. Die Figur ist vor allem mit Hunderten von Stickern (Klebies) nahezu überall vertreten. Es gibt in den zentralen Stadtteilen kaum einen Briefkasten, Laternenpfahl oder Stromkasten, auf dem nicht ihr Konterfei zu sehen ist, oft verbunden mit der Botschaft „Liebe“.

Paste-ups von Joiny, JaDa und Knopfi in Köln.Joiny hat zwei ungleiche Verwandte, die ebenfalls die Stadt bevölkern: Knopfi und JaDa!. Während Knopfi mit knopflastigen Allgemeinweisheiten daher kommt („Der Knopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.“ oder „Gleich rollen hier die Knöpfe!“), sind die Aussagen von JaDa! etwas schlichter gestrickt. Dafür kann seine Form verschiedenste Figuren der gezeichneten Popkultur annehmen. Das kleine Foto links hat Seltenheitswert, denn es zeigt die drei Verwandten selten vereint auf einem Postkasten in Deutz.

Joiny parliert übrigens nicht nur auf Kölsch. In anderen Städten, in denen sie ebenfalls gerne auftaucht, nimmt sie den jeweiligen Dialekt an. Ihre Homebase ist und bleibt aber das Rheinland. Auf ihrer facebook-Seite kann man Joinys Aktivitäten verfolgen.

„Außerhäusige Empfehlungen“

11. Juli 2016 at 16:55

Paste-ups in Leipzig Connewitz

Am kommenden Wochenende gibt’s in Leipzig die vierte Ausgabe des Urban Up Festivals. Das Programm zur Veranstaltung rund um alle Facetten der Streetart gibt’s hier. Die Leipziger Volkszeitung berichtet heute ausführlich unter dem Titel „Mehr als Schmierereien“.

Ein riesiges Event ist die Millerntor Gallery in Hamburg, ebenfalls am kommenden Wochenende. Die große Kunstausstellung mit Schwerpunkt Streetart/Urban Art findet am Stadion des FC St. Pauli statt. Sage und schreibe 150 Künstler sind beteiligt. Einen guten Kurzüberblick über das Geschehen gibt urbanshit.

Tankman und Neustart in Ehrenfeld

8. Juli 2016 at 16:25

Mural von Captain Borderline in Köln: Tankman

In Sachen „Streetart“ ist Ehrenfeld auf alle Fälle einer der Hotspots in Köln. Hier findet man die meisten und die tollsten Murals, zahllose Paste-ups, Stencils, Graffiti. Einige habe ich in meinem Blog bereits vorgestellt. Dazu kommt eine hohe Dichte von Künstler-Ateliers, die bedingt ist durch die Struktur des alten Arbeiterstadtteils mit seinen vielen ehemaligen Hinterhofwerkstätten. Allerdings ist der Stadtteil auch recht weitläufig und der Mensch neigt ja dazu, immer die gleichen Straßenzüge zu besuchen.

Diese Woche war ich nach langer Zeit mal wieder in einer Ecke Ehrenfelds unterwegs, die nicht so stark frequentiert ist und – ehrlich gesagt – nach wie vor auch wenig einladend daherkommt: Rund um den Kunstverein artmx mit seinem Atelierzentrum (artmx ist auch Organisator des großen Urban Art-Festivals CityLeaks) und des Ehrenfelder Teils der Rheinischen Fachhochschule/RFH. Die artmx-Fassade mit ihren Wandgemälden in unterschiedlichen Stilen ist nicht zu übersehen.

In direkter Nachbarschaft von artmx und RFH findet man ein fantastisches Wandbild der Captain Borderline Crew (Abbildung oben), über die ich schon mehrfach berichtet habe. Im Kölner „China-Jahr“ 2012 entstanden „Tankman“ und weitere politische Wandgemälde in Zusammenarbeit mit Amnesty International und Colorrevolution e.V. als Kritik an der chinesischen Regierung. Das nur auf den ersten Blick naiv-fröhliche Bild „Tankman“ erstrahlt in poppig-frischen Farben wie am ersten Tag und beeindruckt ungemein. Das Bild zitiert das berühmt gewordene Foto vom Tian’anmen-Platz in Peking, wo sich im Juni 1989 ein einzelner Mann mit Einkaufstüten in der Hand der anrückenden Panzerkolonne in den Weg stellt. Im Kölner Wandgemälde sind es Tüten mit Fair Trade-Symbol und der alles überrollende Panzer ist gespickt mit billigem chinesischen Plastikspielzeug. „Made in China 1989“ steht auf bunten Bildschirmen auf seiner Front.

Stencil und Schmierereien an der ecosign Akademie KölnNicht weit entfernt residiert die ecosign Akademie für Gestaltung in zwei zusammengelegten alten Industriegebäuden. Natürlich lässt es sich auch die Designschule nicht nehmen, großflächig die Wände der Einfahrt zu gestalten. Unter dem Titel „Neustart“ kann man mannshohe, in Stencil-Technik gesprühte Figuren sehen und allerhand „gute“ Ratschläge zum Thema Umwelt und Natur lesen. Beispiel: „Bieten Sie Ihrem Nachbarn an, aus seinem Garten eine Monokultur zu machen.“

Ehrenfelder Sprayer haben die Figuren bereits auf ihre Art mit Tags und Sprechblasen „verschönert“ (kleines Foto).

Stencils an der ecosign Akademie Köln