Kunst, rückstandslos entfernbar

19. Mai 2016 at 17:19

Zwar blogge ich hier normalerweise über Streetart, aber manchmal schleicht sich eben doch auch die etablierte Kunst ein, zumal, wenn man auf tolle Veranstaltungen hinweisen kann wie die, von denen ich heute berichten möchte:

Die am Samstag startende New Talents Biennale Cologne im Griechenmarkt-Viertel wird täglich sichtbarer. Vor zwei Wochen zum Beispiel wurde mit der Beklebung der Fassade des abgebildeten Hauses in der Kämmergasse, gleich neben dem Literaturhaus, begonnen. Das Werk namens 350cc Ia stammt von Julia Gruner, frische Absolventin der Düsseldorfer Kunstakademie mit Atelier in Köln. In gut einer Woche Arbeit wurden die Klebefolien von der Overather Werbefirma KWOM graphix angebracht. Die für den Außeneinsatz geeignete Folie ist zwar rückstandslos entfernbar, aber natürlich würde sich das überwiegend triste Viertel (im Krieg blieb nur ein einziges Haus stehen und der Wiederaufbau brachte nicht unbedingt Schönes hervor) über den Anblick über die Biennale hinaus sehr freuen.

Kunstwerk von Julia Gruner auf einer Hausfassade in der Kölner Kämmergasse 2016

„New Talents“ sind ein spannendes und vermutlich Deutschlandweit einzigartiges Angebot, das 50 Absolventinnen und Absolventen verschiedener Kunstrichtungen und Akademien von Malerei über Installation, von Choreografie bis Film und Design zusammenbringt und innerhalb eines zweiwöchigen Festivals in Köln präsentiert. Das Ganze findet alle zwei Jahre statt.

Das zentrumsnahe Griechenmarktviertel, in dem sonst wenig Spektakuläres stattfindet, an dessen Rändern sich aber immerhin Rautenstrauch-Joest- und Schnütgen-Museum, die Kunststation Sankt Peter sowie – noch nicht so lange – das Literaturhaus befinden, wird für die Biennale kurzerhand zum „Kulturquartier Agrippa“ mit ungewöhnlichen Ausstellungsorten von der leer stehenden Kneipe über Ladenlokale und Büros bis hin zu einer Tiefgarage. Außenstationen der New Talents 2016 gibt es im Kölner MAKK, im Kolumba Kunstmuseum und Kunsthaus Rhenania sowie an verschiedenen Orten in Bonn und Düsseldorf. Das umfangreiche Programm bietet Führungen, Vorträge, Workshops und Parties, man kann die zahlreichen nah beieinander liegenden Orte im Kulturquartier aber auch einfach selbst auf einem privaten Rundgang entdecken.

Die fünfte New Talents Biennale Cologne startet am 21.5. und geht bis zum 5.6.

Ein weiteres Kunst-Highlight ist jedes Jahr die Kunstroute Ehrenfeld. Kunstrouten gibt es in mehreren Stadtteilen, aber in Ehrenfeld ist die Kreativdichte einfach am höchsten. In diesem Jahr zeigen 120 Künstler an 61 Orten ihre neuen Arbeiten, meist in den eigenen Ateliers, was einen spannenden Einblick in das Schaffen gibt und zudem immer wieder für interessanten Gesprächsstoff sorgt.

Die Kunstroute Ehrenfeld findet am 21. und 22. Mai statt. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man beide Tage einplanen sollte, wenn man alle Ateliers besuchen möchte. Die Homepage bietet einen hilfreichen Download mit Karte des weitläufigen Stadtteils Ehrenfeld, auf der alle Kunst-Orte verzeichnet sind.

Bender für Electronic Beats

12. Mai 2016 at 15:06

Wandgemälde von Martin Bender für Electronic Beats Cologne

Ende April konnte man im Netz bereits einen Blick auf die Entwürfe werfen, jetzt sind die neuen Bilder von Street Artist Martin Bender aus Hagen auf den Kölner Wänden und nicht mehr zu übersehen. Benders sehr eigener Porträt-Stil (siehe auch mein Blog-Eintrag vom 8. März) zieht dabei mal wieder alle Blicke der Passanten auf sich.

Dabei handelt es sich um Auftragsarbeiten, um eine Werbekampagne für das am 18. Mai startende Electronic Beats Festival. Bis zum 22. Mai bietet es mit großem Line-Up fünf Tage lang Musik und Lifestyle an verschiedenen Orten der Stadt und bettet ohnehin stattfindende Events wie ein Modecasting für Le Bloc, Nachtkonsum, Food Market und Streetart-Touren von CityLeaks ins Programm ein. Ärgerlich ist, dass man es nicht mal für nötig befindet, die Website auf Deutsch zur Verfügung zu stellen, wenn das Festival in Deutschland stattfindet.

Mit 30 Litern Grundierung und mehr als 30 Sprühdosen Farbe entstanden durch Martin Bender insgesamt fünf Porträts der musikalischen Headliner des Festivals: Grace Jones, Tony Allen, Chilly Gonzales, Kerri Chandler and Mø. Gonzales‘ Konterfei ziert dabei die komplette Giebelwand eines vierstöckigen Hauses (Bild unten). Das dürfte den kanadischen Musiker, der inzwischen in Köln lebt, ziemlich stolz machen.

Fotos oben: Die dänische Singer-Songwriterin Mø und der amerikanische Musikproduzent und House-DJ Kerri Chandler, frisch auf die Wände gebracht von Martin Bender.

Wandgemälde von Martin Bender: Chilly Gonzales

Der letzte Held der politischen Wandmalerei

10. Mai 2016 at 16:53

Wandgemälde von Klaus Paier (1945-2009) in Köln: Schlacht an der Elsaßstraße

2009 starb in Köln der Graffiti-Künstler Klaus Paier (*1945 in Essen), den Bernhard van Treek, Autor mehrerer Werke über Streetart, als „letzten Helden der politischen Wandmalerei“ bezeichnet hatte. Das ist nicht ganz zutreffend, denn Wandbilder sind auch heute noch oft politisch geprägt. Nicht nur in Südamerika, wo die Muralismo-Bewegung ihren Ursprung hatte, auch in Deutschland dienen Murals nicht ausschließlich der Verschönerung des öffentlichen Raumes. Aus Köln ist besonders das Captain Borderline Kollektiv zu nennen, das mit Wandgemälden und Installationen politische und gesellschaftskritische Themen verarbeitet.

Wandgemälde von Klaus Paier (1945-2009) in Köln: Mann in GelbKlaus Paier war mit seinen Bildern einer der Vorreiter der Streetart-Bewegung. Zunächst seit 1978 in Aachen, wo er Physik studiert hatte, später dann in Köln malte er im Schutz der Dunkelheit seine stets eckig wirkenden Figuren und Szenen auf triste graue Wände. Es ging um Atomkraft, Faschismus, Immobilienspekulanten. Themen, die also nach wie vor hoch aktuell sind. Paier war noch mit Pinsel und Farbe unterwegs, ohne Sprühdose. Als „Aachener Wandmaler“ fand er Eingang in die Kunst-Welt.

Die meisten seiner über 100 Werke sind längst verschwunden; übermalt, weggeätzt, abgerissen oder einfach dem Verfall preisgegeben. Die wenigen erhaltenen scheinen immerhin einigen Paier-Enthusiasten und Kunstfreunden schützenswert. In Aachen wurde schon vor längerer Zeit sein „Liebespaar“ unter Denkmalschutz gestellt. Weitere sollen dort folgen.

In Köln wurde Klaus Paier ab Anfang der 80-er Jahre bekannt, konnte sogar einige Wände ganz offiziell bemalen. Auch hier ist allerdings nach über 30 Jahren nicht allzu viel erhalten. Drei Paier-Wandgemälde habe ich aktuell an öffentlich sichtbaren Wänden gefunden:

Das bekannteste Paier-Gemälde in Köln ist „Die Schlacht an der Elsaßstraße“ (großes Bild oben), 1983 auf die Wand des Hochbunkers in der gleichnamigen Straße der Südstadt gemalt. Es greift eine Begebenheit aus dem Jahr 1933 auf, als SA-Truppen, die die Machtübernahme durch die Nazis mit einem Umzug feiern wollten, von den Bewohnern der Straße aus den Fenstern mit allem beworfen wurden, was an Hausrat als Wurfmaterial dienlich schien: Vom Nudelholz über Blumentöpfe bis zum Nachttopf war alles darunter. Über 70 Bewohner wurden festgenommen, Wohnungen verwüstet.

Dieses Werk von Klaus Paier bleibt leider nicht vom Vandalismus durch Sprayer verschont. Ansonsten achten die Anwohner bis heute sehr darauf, dass es nicht komplett unter die Räder kommt oder gar entfernt wird. Auch das war seitens der Stadt schon mal geplant.

Wandgemälde von Klaus Paier (1945-2009) in Köln: Afrika brennt

Aus Paiers Zyklus „Südafrika brennt“, ebenfalls aus den 80-er Jahren, ist mindestens noch ein Werk in Köln erhalten: Auf einem Abrissgelände im Belgischen Viertel fand ich dieses Bild von einem angebundenen Mann, auf den ein zähnefletschender Hund losgelassen wird. – Und nicht zuletzt der Mann in Gelb (kleines Foto) ist seit vielen Jahren für jeden sichtbar, der auf der Luxemburger Straße unterwegs ist.

Kunst zum Gucken und Kaufen

5. Mai 2016 at 11:44

Am kommenden Sonntag, 8. Mai, öffnet die CheapArt Sensation ihre Pforten auf Odonien. Frische, freche Kunst zwischen 10 und 100 Euro kann hier erworben werden. Außerdem ist das Gelände von Odo Rumpf immer einen Besuch wert (siehe auch „Veranstaltungen“).

Graffiti von Kreativagentur am Walzwerk in PulheimAuch die art’pu:l steht in Kürze an. Vom 26. bis 29. Mai findet sie wieder in den Hallen des ehem. Walzwerks in Pulheim bei Köln statt. Auf der „größten Produzentenmesse im Rheinland“ mit mehr als 100 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern kann man Jahr für Jahr Spannendes entdecken. In diesem Jahr gibt es erstmals eine (noch kleine) Abteilung für Streetart. m Außenbereich der alten Industriehallen wurden schon öfter Graffiti-Künstler eingeladen, Wände zu verschönern (Foto).

Das große Streetart-Festival CityLeaks findet zwar erst im nächsten Jahr wieder statt, zur Zeit laufen aber viele Stadtführungen zu den besten, spannendsten, interessantesten Plätzen der Straßenkunst in Köln. Es gibt Touren zu Fuß und mit dem Fahrrad, veranstaltet werden sie von CityLeaks selbst.