Kleine Großstadt-Nager

26. März 2016 at 18:45

Stencil mit zwei Ratten und einer Kakerlake in Düsseldorf 2016

Ratten sind in unserer Welt seit Jahrhunderten sehr negativ besetzte Tiere. Sie gelten als Schädlinge, aber auch als schlau und anpassungsfähig. Man bringt sie mit den üblen Seiten der Großstadt in Verbindung und einer geradezu sagenhaften Widerstandskraft. Viele Menschen haben Angst vor Ratten, ekeln sich gar vor ihnen. Andere finden sie niedlich. So gesehen sind sie das ideale Motiv für die Streetart.

Wer hat’s erfunden? Blek le Rat sprühte Anfang der 80-er Jahre die ersten Ratten bzw. deren Schatten auf Häuserwände (siehe auch Blog-Eintrag vom 23.3.2016). Und viele taten es ihm seither gleich. Ich habe ein paar aktuelle eigene Foto-Beispiele zusammengestellt.

Bild oben: Ratten im Stil von Banksy auf einer Hauswand in Düsseldorfs oder sogar Deutschlands buntester Straße, der Kiefernstraße im Stadtteil Flingern. Über diese Straße werde ich bei Gelegenheit mal ausführlicher berichten.

Abbildungen unten: Zwei Stencils in der Erfurter Altstadt. Besonders das rechte Motiv erinnert stark an die Ratten von Stencil-Papst Blek le Rat, wurde aber vermutlich von einem Nachahmer gesprüht.

2 Stencils mit Mäusen oder Ratten in Erfurt 2016Abbildungen unten: Links eine Comic-artig gesprühte Ratte im Zugang zum Museum für Verwandte Kunst im Belgischen Viertel, Köln. Die Ratte in der rechten Abbildung mit Anzug, britischer Melone und Schirm fand ich in Leipzig-Plagwitz. Vielleicht stutzt jetzt der eine oder andere Betrachter. Ja, dieses Motiv kennt man genau so von Banksy. Banksy in Leipzig? Möglich ist das; im Buch „Banksy, Wall and Piece“ wird dieses Ratten-Motiv seitenverkehrt auf ein Straßenschild gesprüht gezeigt. Im Hintergrund des Fotos sieht man den Berliner Fernsehturm. Aber egal, ob es sich hier in Leipzig nun um ein Original oder um einen Nachahmer handelt: Besonders putzig finde ich die Interaktion der Street Artists. Die offensichtlich nachträglich als Paste-up angebrachte Katze auf dem Skateboard scheint zu der „schwebenden“ Ratte aufzuschauen.

Stencils mit Ratten-Motiven in Köln und Leipzig und ein Paste-up mit Katze 2016Abbildungen unten: Links ein etwas komplexeres, zweifarbiges Stencil, das man in Bonns Macke-Viertel finden kann. In diesem nach August Macke benannten Teil der Bonner Innenstadt findet man besonders viel Streetart, in der Hauptsache großflächige und ziemlich aufwändige Graffiti. Leider fehlt links ein Stück des Nager-Motivs. In der Mitte der Bildleiste sieh man ein komplett bespraytes Gebäude im Volksgarten in der Kölner Südstadt. Rechts ein von der Ratte Rémy aus dem Pixar-Film „Ratatouille“ inspirierter freundlicher Geselle. Man findet dieses Motiv an mehreren Stromkästen im Kölner Griechenmarktviertel. Die Rémy-Stencils scheinen schon mehrere Jahre alt zu sein und sind ziemlich verblasst. (Ich habe das Foto digital aufgehübscht, damit man das Motiv besser erkennen kann.)Stencils und Graffiti mit Mäusen oder Ratten in Bonn und Köln 2016

 

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

26. März 2016 at 18:28

Filosofisches auf einer Hinterhofmauer in der Kölner Stolzestraße

Stolzestraße.

 

Streetart-Ausstellungen im Frühjahr

25. März 2016 at 13:49

Die Streetart kommt hierzulande über den Winter nicht ganz, aber doch partiell zum Erliegen. Wer klebt und pinselt schon gerne bei Minustemperaturen?! Umso größer ist die Vorfreude auf das, was es da an Neuem schon bald in der Stadt zu entdecken gibt. Legales und Illegales, draußen wie drinnen. So sei auch auf diese drei kommenden spannenden Veranstaltungen hingewiesen:

Das Restaurant mit Streetart-Galerie „Kunstbruder“ im Belgischen Viertel veranstaltet vom 1. bis 3. April einen „Streetart Clash„. Es werden Stickerkünstler wie Joiny Joy, Pdot, pqus Art, Planet Selfie, SeiLeise, Hero Art und Wicked Waldi präsentiert.

Eine Woche später startet „Straßengold“ mit einer aktuellen Bestandsaufnahme der Streetart im Kulturbunker Köln-Mülheim. Vom 9. (Vernissage ab 19 Uhr) bis 17.4. (Versteigerung einiger Werke) ist dort wieder ein repräsentativer Querschnitt der Szene vertreten. Teilnehmende Street Artists sind 1zwo3, fox, Joiny, pdot, Mista Sed, Sergei Kravinoff the Hunter, KSA, Señor Schnu, Tuk, ROLFI, Dr. Fuchs, Leo Leander, Robithedog, Eins A Ce, HNRX, Mein Lieber Prost, Smile, lazy65, xxxhibition, TAR CGN, Lapiz, Mariestyle Art, Heroart, Planet Selfie, Marshal Arts, Rude und seiLeise. Über einige der Genannten habe ich in meinem Blog bereits berichtet.
Reizvoll auch für auswärtige Kunstinteressierte dürfte sein, dass „Straßengold“ parallel zur großen Kunstmesse ArtCologne stattfindet und zeitgleich die „Kölner Liste“ (mit Streetart Sektion) besucht werden kann. Am 16.4. ist Straßengold übrigens auch in den Rahmen der Mülheimer Nacht eingebettet.

Wen es dennoch raus zieht aus der Stadt Köln, der kann vom 22. bis 24. April (Vernissage am 21.4.) in Paris die Urban Art Fair besuchen. Die Ausstellung bezeichnet sich selbst als die erste internationale, ausschließlich der urbanen Kunst gewidmeten Messe und verspricht ein wegweisendes Event zu werden.

Auch ein schönes Hobby

21. März 2016 at 21:57

Fleischtheke mit komplett gestrickten Inhalten von Madame TrikotMeiner lieben Kollegin Jenny Genzke habe ich diese Entdeckung zu verdanken: Auf der Messe „Handarbeit + Hobby„, die am Wochenende in Köln stattfand, fotografierte sie diese komplett gestrickte „Fleisch“theke. (Ja, das ist wirklich alles aus Wolle!)

Die Künstlerin Dominique Kaehler Schweizer, bekannt als „Madame Tricot“, hat sie 2012 gearbeitet. Sie strickt „mit Vorliebe das Verderbliche, besonders Fleisch, dessen Verwesungsprozess bereits eingesetzt hat“, erfahre ich auf ihrer Homepage.

Eine schöne Anregung für all die fleißigen Urban Knitter. Obwohl … die Unterwasserwelt, die ich am 30. Januar an dieser Stelle vorgestellt habe, ist auch nicht von schlechten Wollknäueln!

Banksy in New York

18. März 2016 at 21:20

Auf dem immer wieder spannenden internationalen Film- und Fernsehfestival Cologne Conference sah ich letztes Jahr die HBO-Doku „Banksy does New York„. Hintergrund des Films: Im Oktober 2013 war Street Artist Banksy in New York. Er hatte angekündigt, jeden Tag (jede Nacht) ein neues Kunstwerk in der Stadt zu hinterlassen: Stencils, Installationen, Skulpturen. Der Mann ist vielseitig. Jeden Morgen veröffentlichte er im Internet eine sehr grobe Positonsangabe.

Die Doku begleitet Fans, die 31 Tage lang die Stadt nach den neuen Werken absuchen, um sie zu bestaunen und zu fotografieren, zeigt von Tag zu Tag wachsende Menschenmassen, die sich an den genannten Orten sammeln (so weit, so lustig), aber auch dreiste Diebe, die ganze Werke sofort stehlen, indem sie eine Skulptur einfach in einen LKW hieven oder ein bespraytes Garagentor mal eben aussägen.

Der sehr kluge Film von Chris Moukarbel lässt den Zuschauer so manches Mal den Kopf schütteln und stellt über die gezeigten Fans und Medien sowie einen überaus kuriosen Galeristen, der sehr freimütig ein gerüttelt Maß an Hirnriss in die Kamera spricht, genau die richtigen Fragen und zeigt einen komplett pervertierten Kunstbetrieb.

„Banksy does New York“ ist kein Porträt über Banksy, sondern eine Momentaufnahme seiner Breitenwirkung. Man findet die englischsprachige Dokumentation online, zum Beispiel via iTunes.

Ein ernstes Mädchen

11. März 2016 at 22:09

Wandmemalung Ivana Hoffmann in Köln-Deutz

Da musste ich auch erstmal eine google-ähnliche Suchmaschine bemühen. Aber die Wandbemalung am Deutzer Rheinufer, an der ich heute zufällig vorbei radelte, war nicht zu übersehen und machte mich neugierig.

„Ivana Hoffmann – eine von uns“ steht etwas schwer lesbar neben dem Graffiti-Porträt einer jungen Frau. Ich gebe zu, mir war der Name nicht bekannt. Die Recherche-Maschine ergab diese Geschichte, die zufällig genau ein Jahr her ist:

Ivana Hoffman, Tochter einer Deutschen und eines Togolesen, wurde 1995 in Emmerich geboren und lebte in Duisburg. Schon früh engagierte sie sich gegen Rassismus und Sexismus und wurde später Mitglied einer kurdischen kommunistischen Partei. Sie reiste 2015 aus Deutschland aus, um sich den Kurden in ihrem Kampf gegen den IS anzuschließen (unter den kurdischen „Volksverteidigungs-Einheiten“ sind 30 bis 40 Prozent Frauen). „Sie hatte ein sehr stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. … Sie hat gesagt, man kann nicht untätig hier sitzen, wenn anderswo Menschen ermordet und unterdrückt werden.“ Das erzählte ein Freund in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Ivana Hoffmann soll am Kampf um die Stadt Kobane beteiligt gewesen sein. In Tell Tamer, an der syrischen Grenze, kam sie schließlich bei einem Gefecht mit dem IS um’s Leben. Sie wurde nur 19 Jahre alt.

Und plötzlich machen einige andere Graffiti Sinn, die ich in den letzten Monaten in anderen Stadtteilen sah, aber nicht einordnen konnte. So wurden an vielen Stellen Hammer und Sichel auch in gut situierten, bürgerlichen Stadtteilen gesprayt und in Sülz las ich auf einer Hauswand „Ivana ist unsterblich“ (Foto).

Graffiti Ivana Hoffmann in Köln-Sülz

Ihr früher Tod und die traurige Tatsache, dass sie als erste Deutsche gilt, die im Kampf gegen den IS starb, verhalfen Ivana Hoffmann zu einem Wikipedia-Eintrag.

In der Mediathek kann man den ZDF-Beitrag aus der Nachrichten-Sendung „Neute Nacht“ vom 12. März 2015 noch mal anschauen, der die junge Frau aus Duisburg als „ein ernstes Mädchen“ beschreibt.

Long Story Short

10. März 2016 at 17:14

Unter dem Titel „Long Story Short“ widmet die Kunstagentin dem in Rom lebenden Künstler Agostino Iacurci vom 18.3. bis 14.5. eine Solo-Ausstellung. Agostino ist bekannt für seine riesigen Fassaden-Bemalungen. Klare Formen und bunte Farben sind seine Markenzeichen.

Bender in Hagen

8. März 2016 at 15:23

Im Kulturbunker Köln-Mülheim ziert eine eindrucksvolle schwarz-weiße Zeichnung eine Innenwand aus Beton. Sie stammt von Martin Bender, der sich in den letzten Jahren als Street Artist mit Murals in diesem Stil einen Namen gemacht hat. Er arbeitet mit Sprühose, Kreide, Kohle und Acryl.
Wandgemälde von Martin Bender im Kulturbunker Mülheim
Soweit ich weiß, ist das Bild im Kulturbunker bislang das einzige von Bender im öffentlichen Kölner Raum.

Deutlich aktiver war er mit seinen Wandgemälden und Paste-ups zuletzt in und um Leipzig, wo er drei Jahre gelebt hat. Nun ist der in Kasachstan und Russland aufgewachsene Künstler nach Nordrhein-Westfalen zurückgekehrt, wohin er vor 17 Jahren gekommen war, nachdem er Russland verlassen hatte. Groß geworden ist er nämlich in Gevelsberg bei Hagen. Und es ist eine Galerie in Hagen, die seit Sonntag mit „LITSA“ Martin Bender eine Solo-Ausstellung widmet: Seine neuen Bilder sind noch bis Ende März in der Galerie Elvyra Gessner, Langestraße 29 in Hagen zu sehen. Eine schöne Besprechung dazu unter dem Titel „Leben hinter der Maske“ gibt’s auf HÖMMA – Das Mäg aus’m Pott.

Leinen los für MS Ehrenfeld

5. März 2016 at 10:20

Fassadenbemalung von goodlack art MS EhrenfeldAn der Iltisstraße 122, im hintersten Winkel von Neuehrenfeld, liegt ein Dampfer vor Anker, drei Decks hoch. Das Graffiti-Künstler-Duo goodlack art hat hier im Sommer 2008 im Auftrag der Ehrenfelder Wohnungsgenossenschaft einen zuvor schmucklosen Wohnblock mit Wandfarbe und Sprühdose verschönert. Dank langlebiger Farben erstrahlt die Bemalung bis heute in einem frischen Hellgelb mit abgesetzten blauen Streifen. Besonders schön sind die aufgemalten Figuren vom Kapitän über Mitreisende an Deck bis zu den Tieren auf der Wasserlinie. Insgesamt wurden 300 qm Fläche gestaltet.

Details der Fassadenbemalung von goodlack art MS Ehrenfeld

goodlack art sind John Iven und Ron Voigt. Man kennt sie auch als B. Shanti und A. Signl vom Künstlerkollektiv Captain Borderline, das weniger gefällig als politisch und sozialkritisch motiviert arbeitet. Seit 2004 gestalten Iven und Voigt zusammen Flächen vor allem im urbanen Raum und geben Graffiti- und Streetart-Workshops für Kinder und Jugendliche.

Wer ist Banksy?

4. März 2016 at 15:29

artnet news vermelden heute, dass mit Hilfe kriminaltechnischer Methoden die wahre Identität des bekanntesten Street Artists weltweit, Banksy, gelüftet wurde. Dabei fällt der dort genannte Name seit Jahren immer mal wieder, z.B. in Veröffentlichungen 2008, 2011 und 2013.

Und nun? Sind wir jetzt schlauer? Keinesfalls, denn ich merke gerade, dass es mir ziemlich wurscht ist, ob Banksy nun Robin oder Rainer heißt und aus Bristol oder Bergheim stammt.