Eine Liebesgeschichte

23. Februar 2016 at 18:15

Diese Streetart-Geschichte spielt mal nicht in Köln und es ist auch kein Kölner Künstler beteiligt. Aber ich möchte sie gern erzählen, weil sie so schön ist.

Einer der ersten Graffiti-Künstler in Frankreich und Vater der Stencil-Technik ist Xavier Prou, besser bekannt als „Blek le Rat„. 20 Jahre vor Banksy machte er genau das, wofür Banksy heute weltberühmt ist: Er sprühte schon vor über 30 Jahren Stencils an Wände. Die schwarzen Ratten, die Banksy (und nachfolgend auch andere Street Artists) auf Hauswände aufbringen, sind eine Hommage an Blek le Rat, der sie seit 1981 sprüht. „Rat“ als Anagramm von „aRt“.

Spezialisiert hat sich Prou auf lebensgroße, aussagekräftige Stencils. Nach einer Verhaftung wegen Sachbeschädigung 1991 arbeitete er vermehrt mit vorgefertigten Paste-ups und heute sprüht er nur noch legal. Eins seiner berühmt gewordenen Motive ist die „Frau mit Kind“, die an Caravaggios Madonna erinnert, ein tanzendes Paar und seit 2005 auch eine Serie von Obdachlosen und Bettlern, die er liegend, stehend oder auf dem Gehweg sitzend abbildet, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

Stencil von Blek le Rat, Originalzustand 1991. Foto: Sybille Prou1991 sprühte Xavier „Blek le Rat“ Prou seine „Frau mit Kind“ im Nachwende-Leipzig. Daneben schrieb er „Pour Sybille“. Jene Sybille aus Leipzig war seinerzeit seine Freundin und bald darauf seine Ehefrau. Sie haben einen inzwischen erwachsenen Sohn, der übrigens im Ruhrgebiet studiert. Diese Liebesgeschichte ging also gut aus. Das Stencil in Leipzig aber wurde bald vergessen, da es über 20 Jahre lang immer wieder unter neuen wild plakatierten Flächen verwand. Erst 2012, als das Gebäude in der Leipziger Südvorstadt saniert werden sollte, kam es unter Schichten von Beklebungen wieder hervor. Aber wäre damals nicht zufällig Maxi Kretzschmar an den Bauarbeiten vorbei gekommen, wäre es der Sanierung zum Opfer gefallen. Die junge Frau erinnerte sich nämlich an das Werk von Blek le Rat, als es noch neu war. Als Kind war sie auf ihrem Schulweg immer daran vorbei gelaufen. Dass sie heute selbst Kunst- und Kulturmanagerin ist und den Schatz, der da zutage kam, gleich einordnen konnte, ist ein weiterer wunderbarer Zufall (Fotos: Zustand während der Bauarbeiten 2012, Dank an Maxi Kretzschmar).
Das Stencil von Blek le Rat nach seiner Wiederentdeckung 2012. Fotos: Maxi Kretzschmar
Maxi Kretzschmar setzte alles in Bewegung, um das Bild zu erhalten. Mehr noch: Xavier Prou erneuerte das etwas verblichene Werk 2012 und 2013 wurde es ganz offiziell unter Denkmalschutz gestellt. Eine Plakette wurde angebracht und eine Plexiglasscheibe soll seither das Bild schützen.

Nun kann man einwenden, dass Streetart gar nicht für die Ewigkeit gedacht ist, dass das Vergängliche Teil der Kunst ist. Aber die Leipziger „Frau mit Kind“ ist das älteste im öffentlichen Raum erhaltene Bild von Blek le Rat und vermutlich eines der ältesten erhaltenen Stencil-Werke überhaupt. Es überlebte die Jahrzehnte aufgrund vieler Zufälle und erzählt dazu eine wunderbare Liebesgeschichte.

Also stand ich vor kurzem in Leipzig auf der Karl-Liebknecht-Straße vor der Hausnummer 7 und war … tief enttäuscht. Das Bild, das sich mir bot, war dieses:
Als Kulturgut geschütztes Stencil von Blek le Rat in Leipzig. Zustand im Februar 2016 mit beschmierter Schutzscheibe.
Das Haus ist top saniert, wie fast alle Gebäude im Stadtteil, aber die Plexiglasscheibe, die das Stencil von Blek le Rat schützt, ist beschmiert und wild beklebt, so dass man das Wandgemälde gar nicht sehen kann. Irgendwie ist es ein bisschen so, wie es in den 20 Jahren vor der Wiederentdeckung war. Aber dieses Mal wird das Bild sicher nicht vergessen, dafür wird Leipizig schon sorgen. Ich bin gespannt, ob ich bei meinem nächsten Besuch in dieser tollen Stadt mehr sehen kann.

Kleines Foto:
Pour Sybille, Zustand des Stencils von Blek le Rat 1991, Foto von Sybille Metze-Prou

Sybille Metze-Prou, die in Köln Kunst studierte, hat ein Buch über die Arbeit ihres Mannes („Blek Le Rat: Getting Through the Walls“) und zusammen mit Streetart-Kenner Bernhard van Treek eines über Stencils („POCHOIR – Die Kunst des Schablonen-Graffiti“) veröffentlicht.

Ein umfangreicher Artikel im Vangardist gibt Einblicke in die Biografie von Xavier Prou und seine Motivation, Streetart zu machen.

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