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Harald Naegeli: Und er sprüht immer noch

4. Dezember 2016 at 10:03

Zwei Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf Anfang 2016.Jetzt ist er also doch noch ins Museum gekommen mit seiner Kunst: Harald Naegeli, „Sprayer von Zürich“, Wegbereiter der europäischen Streetart, Dadaist, der am heutigen Tag (happy birthday!) 77 Jahre alt wird. Das Düsseldorfer Stadtmuseum widmet ihm, dem Wahl-Düsseldorfer, eine Solo-Ausstellung, die noch bis zum 1.1.2017 zu sehen ist. „Harald Naegeli – Der Prozess“ heißt sie. Und da muss man für die später Geborenen vielleicht ein wenig ausholen. Immerhin waren die meisten Sprayer von heute Anfang der 80-er Jahre, als Naegeli große Schlagzeilen machte, noch gar nicht geboren.

Ein kurzer Abriss der Geschehnisse:
Ende der 70-er Jahre sprayte Naegeli, damals noch unerkannt, in Zürich rätselhafte große Strichmännchen an Gebäude im öffentlichen Raum. Keine Wand war vor ihm sicher, was die Schweizer natürlich nicht amüsant fanden. Man setzte sogar eine Art Kopfgeld aus. Irgendwann wurde „Der Sprayer von Zürich“ mehr oder minder zufällig erwischt und wegen „Sachbeschädigung an 192 öffentlichen und privaten Gebäuden“ verurteilt. Nachdem er sich nicht um eine Bewährungsstrafe scherte und weiter sprayte, dann schließlich zu einer Geld- und einer Gefängnisstrafe von 9 Monaten. Zürich wollte ein Exempel statuieren. Naegeli floh nach Deutschland, wo er viele Unterstützer aus der Kunstszene hatte; ein internationaler Haftbefehl erging. Trotz Protesten und Solidaritätsbekundungen bis hin zu Joseph Beuys und Willy Brandt wurde Naegeli 1984 an die Schweiz ausgeliefert. Das Bundesverfassungsgericht hatte entschieden. Nach 6-monatiger Haft kehrte er nach Deutschland zurück und ließ sich endgültig in Düsseldorf nieder.

„Wo er bis heute im Schutz der Dunkelheit auf Häuserwände und Mauern seine markanten Figuren sprayt“, muss man die Geschichte ergänzen. In mehreren Düsseldorfer Stadtteilen trifft man auch 2016 noch die dynamischen, meist schwarzen und manchmal weißen Linienfiguren (Fotoleisten oben und unten: Aufnahmen von Februar 2016). Man kann davon ausgehen, dass sie von Naegeli selbst stammen, nicht von Nachahmern, aber bislang hieß es immer, der Künstler bekenne sich nicht „offiziell“ zu den Graffiti. Aus gutem Grund, denn nach wie vor handelt es genau genommen um Sachbeschädigung. Auch wenn einige Düsseldorfer Kunstfreunde die Werke gern konservieren möchten, es gibt andere, die es sich zur Aufgabe machen, Naegelis filigrane Wesen schnellst möglich zu entfernen, auch, um nicht weitere Sprayer unnötig zu motivieren, ihre Tags zu hinterlassen. Ganz nach dem Motto: „Ist das von Naegli, also Kunst, oder kann das weg?“ Daheim in Zürich ist er längst rehabilitiert; die letzten verbliebenen und verblichenen Graffiti wurden restauriert und konserviert.

Strichmännchen-Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf Anfang 2016.Im letzten Jahr noch schmunzelte ich darüber, wie Naegeli, der sich selbst einerseits in der Tradition der Dadaisten und andererseits in der der Höhlenmaler sieht, seine Werke in das Düsseldorfer Kunstmseum K20 „geschmuggelt“ hat (er hat einfach zwei Strichmännchen ungefragt ins Treppenhaus gemalt; die Rheinische Post berichtete). Jetzt dokumentiert also das Stadtmuseum sein Wirken in einer gut besuchten Ausstellung. Angefangen von den kopierten Prozessakten der Schweizer über sämtliche „Beweisfotos“ seiner Gesetzesverstöße in Zürich und große Mengen dokumentierter Naegeli-Wesen auf Düsseldorfer Betonwänden kann man seine Sprüh-Werke von 1979 bis heute betrachten und vergleichen. Sie umringen Naegelis andere künstlerische Arbeiten wie beispielsweise die „Urwolken“, filigrane Strich-Zeichnungen, an denen er teils über Jahre immer wieder arbeitet und die damit in größt möglichem Kontrast zu den sekundenschnellen Graffiti stehen. Naegelis Art der Meditation sind diese Wolken.

Und dann ist da noch eine Art Atelier aufgebaut. Tatsächlich kommt der Künstler jeden Tag vorbei, unterhält sich mit Besuchern, zeichnet, arbeitet, sucht den Kontakt, skizziert Leute. Leider hatte ich nicht das Glück, Harald Naegeli vor Ort anzutreffen („zur Zeit kommt er meist am späten Nachmittag rein; es gibt da keine festen Zeiten“). Was hätte er wohl zu der Besucherinnen-Gruppe gesagt, die zeitgleich mit mir durch die Ausstellung geführt wurde? Alte Damen, zwischen 70 und 80, und alle schauen sich fasziniert Fotos von gesprühten Strichmännchen an. Gerne hätte ich ihn gefragt, ob er denn nun zugibt, dass die in der Ausstellung gezeigten fotografierten Graffiti von ihm stammen. Immerhin hängen sie ja in einer Ausstellung, die seinen Namen trägt.

Wie Naegeli als Staatsfeind hier und Künstler dort angesehen wurde, ist wirklich interessant. Oder dass er mit seinen Sprühaktionen schon Ende der 70-er Jahre Kritik an hässlichen, grauen, zubetonierten und naturfernen Lebenswelten der Städte übte, was zahllose Street Artists später in ihrer Kunst aufgriffen. 1986 reagierte Naegeli auf den Chemieunfall der Firma Sandoz mit dem „Totentanz der Fische“ am Rhein, Ende der 80er startete er mehrere Aktionen gegen Tierversuche in Venedig. Seine Kunst ist immer auch politisch.

Köln hat auch seine besondere, große und vor allem frühe Naegeli-Geschichte. Die möchte ich aber in einem gesonderten Beitrag erzählen. Vielleicht morgen … Stay tuned!
Vogel-Graffiti von Harald Naegeli in Düsseldorf im Dezember 2016.Bilder oben: Ungewöhnlich „bunt“, aber bei diesen beiden Vögeln in Rot und Pink, die sich im direkten Umfeld des Stadtmuseums finden, war ebenfalls Harald Naegeli am Werk.

Magic City in Dresden verlängert

3. Dezember 2016 at 14:04

Die große Urban Art Ausstellung „Magic City„, über die ich hier am 5. November ausführlich berichtet habe, wird verlängert. Sie bleibt noch bis zum 5. März 2017 im Kultur-Quartier Zeitenströmung in Dresden, bevor sie ihre Tour durch Deutschland beginnt.

In der Vorweihnachtszeit gibt es zudem interessante Ticket-Angebote für Familien.

Blick in die Ausstellungshalle der "Magic City"-Ausstellung in Dresden.Die Firma cewe, Online-Druckerei und größter Fotobuch-Anbieter Deutschlands, hat einen Fotowettbewerb gestartet: „Die Magie meiner Stadt“. Einsendeschluss für die urbanen Impressionen ist der 8. Januar 2017. Hauptgewinn ist eine Reise nach New York!

 

Bauzaunkunst

30. November 2016 at 17:57

Bauzaun mit Graffiti am Kolumba-Museum Köln.Eingerüstet wird zur Zeit das Kolumba-Museum in der Kölner Innenstadt. Der Museumsbau von Architekt Peter Zumthor, der die Ruinen der im Krieg zerstörten Kirche St. Kolumba einschließt, wurde zwar erst 2007 eröffnet, es hatten sich aber bei den eigens für dieses Kunstmuseum des Erzbistums Köln entwickelten Backsteinen bzw. im Lehmputz darunter Feuchtigkeitsschäden gebildet. Über den Winter soll die Fassade trocknen; im Frühjahr wird sie dann saniert.
Eingerüstetes Kolumba-Museum in Köln und Bauzaun mit Graffiti.Bis dahin zieht sich ein Bauzaun um das Museum (das regulär weiter geöffnet bleibt). Und vermutlich um Schmierereien und Wildplakatierern vorzubeugen, hat man Sprayern hier Flächen zur Verfügung gestellt und den Zaun gestalten lassen. So gibt es beispielsweise ein unverhofftes Wiedersehen mit dem pinken Pony. Sehr nett. Aber auch (gut gemeinte) Kalendersprüche werden dem Passanten mit auf den weiteren Weg gegeben.

Das Gestalten von Bauzäunen an exponierten Orten durch lokale Street Artists ist nichgt ganz neu, darf aber gerne noch viel öfter vorkommen, belebt es das graue Stadtbild doch ungemein und verhindert – wie gesagt – meistens das Beschmieren.

Unten noch ein schönes Beispiel aus Rotterdam, das ich vor einigen Wochen in Bahnhofsnähe fotografiert habe. Auch hier wurde lokalen Künstlern Raum gegeben.

Bauzaun in Bahnhofsnähe in Rotterdam (NL) mit Graffiti lokaler Künstler.

Crowdfunding für „Women Street Artists Guide“

23. November 2016 at 19:39

Die ganze künstlerischer Vielfalt weiblicher Streetart möchte ein neuer Bildband namens „Women Street Artists – The Complete Guide“ von Graffito Books aus London bieten. Da ein einzelnes Buch natürlich die Szene nicht komplett abbilden kann, sollen in regelmäßigen Abständen weitere Bände erscheinen.

Der erste Band, der 52 Künstlerinnen wie Faith47, Swoon, Binty Bint, Jilly Ballistic, Boxhead, Bambi, Neozoon, Jules Muck, Elle und Kashink beinhaltet, ist im Prinzip fertig und könnte gedruckt werden. Wäre da nicht das liebe Geld. Also hat man sich entschlossen, eine Crowdfunding-Aktion zu starten. Die läuft nur noch 6 Tage und die Chancen stehen gut, dass das Geld für die erste Auflage zusammenkommt, aber etwas Werbung kann natürlich trotzdem nicht schaden.

Ein unterstützenswertes Projekt für alle Streetart-Interessierten. Also mitmachen! Natürlich erhält jeder Unterstützer das erste Buch nach Hause geschickt.

Mural von Faith47 in Köln-Ehrenfeld.Foto: Mural der aus Südafrika stammenden Künstlerin Faith47 in Köln-Ehrenfeld, einmal der Zustand im September 2013 (rechts) und einmal im Dezember 2015 (links). Sie hatte es 2011 im Rahmen des CityLeaks Festivals gemalt und ihre weltweiten Arbeiten werden im ersten Band von „Women Street Artists“ gewürdigt.

Tschüß Jack! Hallo Jack!

7. November 2016 at 21:36

jackinthebox_h_beikirch„Jack in the Box“ war in den letzten Jahren ein Ort in Köln-Ehrenfeld, an dem kreative Ideen gelebt wurden. Jetzt wird das Gelände am Bahndamm neu bebaut. Wohnungen sollen entstehen.

Der gemeinnützige Verein, der hinter dem bekannten Veranstaltungsort steht, kümmert sich seit 10 Jahren um Langzeitarbeitslose, bietet Arbeit und Ausbildung in den Bereichen Upcycling, Metall- und Holzhandwerk. Und natürlich steht das Gelände auch für innovative Veranstaltungs-Konzepte wie die ersten Streetfood-Märkte und den legendären Nachtflohmarkt „Nachtkonsum“, deren Kopien von Ehrenfeld aus Region und Land erobert haben.

Der Verein selbst zieht mit seinem Upcycling-Zentrum nun nach Bayenthal in die Räume der ehemaligen Firma Otto Wolff Draht- und Drahterzeugnisse. Der Streetfood-Markt wechselt ins dqe, der Nachtflohmarkt vorläufig in die Abenteuerhallen Kalk.

Das Gelände rund um „Jack in the Box“ war immer auch ein bisschen buntes Abenteuerland. Kein Wunder, dass sich hier allerhand Streetart angesammelt hat. Am bekanntesten ist sicher das Mural von Hendrik Beikirch (großes Foto oben) auf der Südwand der großen Halle. Beikirch hat hier – wie an zwei weiteren Orten in Köln und an ungezählten in der ganzen Welt – das Porträt eines Obdachlosen gemalt. Aber es gab auch immer nette Kleinode zu entdecken.

Bevor das Ganze nun für immer verschwindet, habe ich noch kurz vor Schluss eine kleine Fotogalerie vom Gelände zusammengestellt. Tschüß Jack in the Box Ehrenfeld, hallo an neuen Orten!

Magic City Dresden. Oder?

5. November 2016 at 20:58

magiccity_madc_caps2Am 1. Oktober eröffnete in Dresden eine in ihrer Art bislang einzigartige große Streetart-Ausstellung: „Magic City – Die Kunst der Straße“. Kuratiert von Carlo McCormick (New York) und auf die Beine gestellt von einem großen Team, zeigt „Magic City“ in einer sanierten Industriehalle in Dresdens „Kultur-Quartier Zeitenströmung“ auf 2.500 qm Werke von 42 Einzelkünstlern und Crews aus aller Welt. Das Besondere hieran ist: Fast alle gezeigten Kunstwerke entstanden vor Ort in der Halle. Die eingeflogenen Künstler malten, sprühten und werkelten vor Ort, größtenteils zeitgleich, was man sich ein bisschen wie ein arbeitsreiches Klassentreffen der Streetart vorstellen darf. Das Portal „Brooklyn Street Art“ zeigte kurz vor Eröffnung eine interessante Fotoserie, die die Künstler bei der Arbeit zeigt.

Warum Dresden? Da wurde geredet von der tollen Streetart-Szene der Stadt oder davon, wie wichtig es sei, ein „anderes“ Dresden als das seit Monaten die Presse beherrschende zu zeigen. Nun ist die ziemlich alternative und in besserem Sinne „szenige“ Dresdner Neustadt tatsächlich viel bunter und kreativer als der Rest der Welt glauben möchte oder es der Pauschaltourist je zu sehen bekommen wird. Aber bei „Streetart-Szene“ denkt man zuerst an andere deutsche Städte, als eine der ersten sicher an das nahe gelegene Leipzig. Und ein „anderes“ Dresden … ja, sicher. Ich denke: Das Magic City-Ding muss halt irgendwo mal anfangen, denn es soll auf Tournee gehen. Und Dresden bot da einen – vermeintlich – guten Standort. Doch dazu später mehr.

magiccity_andersgjennestadBis zum 8. Januar 2017 ist Dresden noch die Magische Stadt, danach zieht die Ausstellung weiter. Denn alle Werke befinden sich auf mehr oder minder mobilen Wänden und können auf LKW verfrachtet werden. Als nächste Station ist ab April 2017 München angeteasert. Wann die Magic City zu uns nach Köln kommt, ist noch nicht bekannt.

Sehenswert ist die sehr international besetzte Ausstellung allemal: Die in New York lebende Japanerin Aiko, die einen ganzen Rotlichtraum (Ü18) gestaltete, war da und das Kollektiv AKRylonumérik aus Paris mit multimedialer Kunst, die zum Mitmachen einladen soll, im Eingangsbereich meines Erachtens aber ungut platziert ist, auch. Asbestos aus Irland ist vertreten, Comic-, Tattoo- und Mural-Künstler Mark Bode aus San Francisco, das Duo Yok & Sheryo und Qi Xinghua mit seinen großen Drachenköpfen aus China.

Sehenswerte Installationen und Skulpturen, teils politisch-kritisch, teils einfach nur Auge und Hirn schmeichelnd, gibt es von Ernest Zacharevic aus Litauen, Ben Heine aus Belgien, SpY und Isaac Cordal aus Spanien oder Icy and Sot aus dem Iran zu bewundern. Bordalo aus Portugal verblüfft mit dem wandfüllenden Bild einer Ratte, die komplett aus Müll besteht.

Lokale Künstler wurden in Dresden nicht vergessen: Claudia Walde, die unter ihrem Künstlernamen „MadC“ eine große Wand aus 45.000 bunten Spray-Caps gestaltet hat, stammt aus Bauzen. Die Dresdner Andy K und Jens Besser, Street Artists und Initiatoren des Dresdner Urban-Art-Festivals „LackStreicheKleber“, sind auch dabei. Benuz, der aus Mexiko stammende Wahl-Dresdner, dessen sehr eigene Kalligrafie-Graffiti man im Stadtbild ausmachen kann, ist ebenfalls mit einer eigenen Wand in der Ausstellung vertreten.

magiccity_herakutDen Kölner freut ein Wiedersehen mit Werken von Herakut (Foto oben) und ROA. Das weltweit agierende deutsche Künstlerduo Herakut, das in Köln für die wundervolle Fassade „Ohne dich würd ich mich nicht traun“ am BüZe Ehrenfeld verantwortlich ist, hat auch für die Magic City wieder eine riesige Wand voll Mystik und Schönheit geschaffen. ROA aus Belgien ist in Köln für die zunächst viel diskutierte Fassade („Darf man das? Muss das sein? Ist das nicht zu pervers?“) mit dem gehäuteten Hasen verantwortlich, mit dem sich die Ehrenfelder Nachbarschaft aber bald arrangierte. In Dresden zeigt er ebenfalls leicht morbide Tiermotive, die man auf- und zuklappen und so von „außen“ wie als Sekelett betrachten kann.

Blickfang im ersten Drittel der Halle ist das Kinderkarussell der in Schlesien geborenen Künstlerin OLEK, die in New York lebt. Es ist komplett eingehäkelt. Eine eigene Abteilung der Ausstellung widmet sich der Geschichte der Streetart bzw. des Graffiti, angefangen von ersten Tags bis hin zu komplett besprühten U-Bahn-Wagen. Der New Yorker Künstler und Graffiti-Fotograf Henry Chalfang öffnete dazu sein Archiv.

Einen Schwerpunkt setzt die Magic City auf raumfüllende 3-D-Bilder, also gesprühte Werke, die von einem bestimmten Punkt im Raum aus absolut plastisch wirken. „Amorphe Street Art“ nennt sich das Ganze. Die Kamera, die man prima täuschen kann, fängt das übrigens noch besser ein als das menschliche Auge. Man kann die dreidimensionalen Werke begehen; ein spielerischer Umgang mit der Kunst ist hier nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich erwünscht und es macht Spaß, sich gegenseitig in den Werken zu fotografieren oder zu filmen. Die Werke von Truly, Juandres Vera, Replete, Odeith und Leon Keer sind in meiner Bildergalerie unten zu sehen. Über die Entstehung des Werkes von Juandres Vera gibt es im eigenen youtube-Channel der Magic City ein interessantes Video.

magiccity_aufstellerÜberhaupt lassen die Macher nichts an Werbung über die sozialen Kanäle aus und die Berichte in den Medien nichts zu wünschen übrig. Die Monate in Dresden werden von zahlreichen Workshops, Führungen und Vorträgen begleitet. Und ich betone es gerne: „Magic City“ ist sehens- und eine Anreise wert. Aber so richtig toll laufen will es scheinbar nicht. An einem Dienstag waren wir mindestens eine Stunde lang die einzigen Besucher, danach kamen zwei weitere. Ein Grund könnten die hohen Eintrittspreise sein: 16 EUR am Wochenende und 14 EUR in der Woche sind sehr viel Geld für eine Ausstellung, gerade in Sachsen. Touristen lockt man nur schwer in ein außerhalb gelegenes Industriegebiet, zumal, wenn (bis heute) nirgends vermerkt ist, wie man als Ortsunkundiger überhaupt hinkommt zur Magic City (Tram-Linien 7 und 8 bis „Heeresbäckerei“ oder S-Bahn Richtung Klotzsche/Flughafen bis „Industriegelände“). Aber am meisten unterschätzt hat man vermutlich das Gemüt des Eingeborenen, der Neuerungen gegenüber zwar nicht gänzlich unaufgeschlossen ist, aber gerne erstmal abwartet, wie sich die Dinge entwickeln. Dem Dresdner und Umland-Bewohner ist nämlich jede Form von „Hype“ suspekt. Hipster mit Fusselbärten? Fehlanzeige. Sehr erfrischend ist das.

Bleibt also zu hoffen, dass der Ausstellung nicht vorschnell die Puste ausgeht und sie weiterziehen kann über das Land. Sie ist nicht repräsentativ, ist keine Dokumentation von „Street Art in ihrer ganzen Vielfalt“ (so der Werbespruch), aber eine sehenswerte, inspirierende und bunt gemischte Auswahl nationaler und internationaler Künstler, die „irgendwie irgendwas“ mit Streetart zu tun haben.

Adbusting-Seminare bei ATTAC

29. Oktober 2016 at 13:50

„Adbusting“ als eine Form der Streetart habe ich nun endlich auch in meine Terminologie-Unterseite aufgenommen. Adbusting, also das Zerstören bzw. Umfunktionieren von kommerziellen Werbeflächendurch durch illegale Veränderungen, ist im besten Fall politisch, sozial- oder konsumkritisch, oft überraschend, originell und witzig. Viele werden sich noch an das Überschreiben von Burgerketten-Plakaten mit einfachen Rezepten zum Selberkochen erinnern. Adbusting wie es sein soll: Simpel, genial und hoffentlich kurzzeitig wirkungsvoll.

ATTAC Köln bietet nun Adbusting-Seminare an. Aber auch ein Vortrag mit anschließender Diskussion über „100 Jahre politische Kunst: Von Dada bis Banksy“ wird durchgeführt. Die Veranstaltungen sind sehr gefragt, daher legt ATTAC zur Zeit immer mal wieder neue Termine auf. Es lohnt also mal ein Blick auf die Homepage.

Urbanes und Halburbanes auf der ART.FAIR 2016

28. Oktober 2016 at 14:20

Kay Schwarz auf der Cologne ArtFair 2016Die jährlich stattfindende ART.FAIR in Köln ist Deutschlands drittgrößte Kunstmesse. Mit Deutschlands größter und zugleich ältester Kunstmesse, der ART Cologne hat sie eher wenig gemein. Außer vielleicht, dass sich die 2003 ins Leben gerufene „Gegenveranstaltung“ so weit etabliert hat, dass sie seit einigen Jahren ebenfalls in den Hallen der Kölner Messe stattfindet.

Und „etabliert“ ist das Stichwort, denn was hat eine große Kunstmesse mit meinem Blog zu tun? Viel: Zahlreiche Künstler, formerly known as Street Artist | Urban Artist, finden sich heute von Galerien vertreten auf der Messe wieder.

Die ART.FAIR besteht eigentlich aus zwei Komponenten: In der ersten (unteren) Messehalle befindet sich die „Bloom“, der für mich spannendere Teil der Veranstaltung. Hier gibt es die neue, die junge Kunst zu bestaunen und zu erwerben. Die Künstler sind meist selbst anwesend, von Galerien sind sie oft noch gar nicht vertreten. Im Folgejahr sieht das meist anders aus, denn in Halle 2 stellen rund 100 Galerien aus ganz Europa und zunehmend aus Asien ihre aktuellen Künstler aus. Und die suchen natürlich auch nach interessantem Neuem.

Was mich Jahr für Jahr fasziniert, ist diese scheinbare Gleichzeitigkeit von bestimmten Motiven, Arbeitsweisen, Materialien. „Trends“ in der europäischen Kunstszene, die wechseln wie die Mode. In diesem Jahr fallen zahlreiche Kunstwerke ins Auge, die Schnellfeuerwaffen darstellen bzw. verunstalten und noch mehr abstrakte Werke, die auf Superhochglanz geschliffene und polierte lackierte Oberflächen setzen. Auch viele Lichtkunst-Objekte sind zu sehen, wohingegen die vielen großformatigen Fotografien von „Lost Places“, die im letzten und vorletzten Jahr dominierten, vollständig verschwunden, „out“ sind. Diese Orte gibt es maximal noch in der Malerei; da scheint mir darüber hinaus der Trend zum Superrealismus ungebrochen. Ansonsten überwiegt „Dekoratives“.

Aber zurück zur urbanen Kunst: Siebdrucke von Blek le Rat finden sich bei gleich mehreren Galeristen, „Bananensprayer“ Thomas Baumgärtel ist mit Stencil-Arbeiten und El Bocho mit seinen großen Mädchenköpfen bei JR Gallery zu sehen. Die Amsterdamer Galerie Urban Art Now, die in der niederländischen Metropole Street Art Touren organisiert, hat gleich ganze Stencil-Wände gestaltet, bei Kasten aus Mannheim gibt es unter anderem zahlreiche limitierte Siebdrucke von „Obey“ Shepard Fairey sogar in bezahlbaren Preisklassen zu erwerben.

Den Vogel schießt aber die Münchner Galerie Kronsbein ab: Auf üppig bemessener Standfläche hängen außer Pop-Art-Papst Andy Warhol auch „Mr. Brainwash“ Thierry Guetta, den die Zeitung „Welt“ 2010 immerhin als „Kunstmarktblase“ stempelte, und vor allem jede Menge Banksy-Siebdrucke. Im Gegensatz zu allen anderen Werken auf der Messe ohne Preise. Selbst eine mit viel Informationen zu jedem Bild ausgestattete „Preisliste“ der Galerie kommt ohne Preise aus. Nur auf Anfrage. Im Kölner Stadt-Anzeiger war allerdings von 125.000 EUR für das auf 150 limitierte „Girl with Balloon“ die Rede. Zzgl. MwSt. natürlich.

Die ART.FAIR ist noch bis Sonntag geöffnet. Und danach müssen wir ganz, ganz stark sein: Ab 2017 wechselt die ART.FAIR nach Düsseldorf.

Bild ganz oben: Kay Schwarz, dessen Fassadengestaltungen in Leipzig zum urbanen Stadtbild gehören, wird auf der ART.FAIR durch die Galerie Von und Von vertreten.

Unten eine kleine, überschaubare Bildergalerie zur Urban Art auf der Messe.

Ein ganzer Stencil-Zoo

17. Oktober 2016 at 22:27

„Stencils“ oder „Pochoirs“ sind eine Form der Streetart, bei der Motive mit Hilfe einer Schablone gesprüht werden (siehe auch Terminologie). Stencil-Stars wie wie Blek le Rat, Jef Aérosol oder Banksy sprühen große, aufwändige und teils mehrfarbige Bildmotive mit dieser Technik. Ich möchte hier aber einige kleine, einfarbige und eher simple Beispiele aus Köln zeigen. Denn verteilt über die ganze Stadt finden sich viele Stencils. Mal sind es Sprüche, die mit der Schablone gesprüht werden, mal menschliche Porträts, mal Tiere. Genau genommen kann man, wenn man möchte, einen ganzen Zoo von per Stencil-Technik gesprühten Tieren finden.Streetart in Köln: Verschiedene einfarbige Zebra-Stencils

Zebra, Panda und Dalmatiner sind naheliegend für ein einfarbig schwarz gesprühtes Motiv. Das Zebra links im Bild findet sich am Gottesweg, ist sehr groß und besonders schön gearbeitet. Alle anderen hier gezeigten einfarbigen Tierbilder sind eher klein und daher leicht zu übersehen.Streetart in Köln: Verschiedene einfarbige Tier-Stencils

Streetart in Köln: Verschiedene einfarbige Tier-Stencils von Hirsch über Elefanten bis PinguinenToll fand ich auch immer den großen, mit bunten Lacken auf ein Tor gesprühten Stencil-Tiger in Ehrenfeld. Leider ist das Motiv mittlerweile stark abgeblättert und kaum noch zu erkennen (Foto).Streetart in Köln: Großes Stencil "Tiger"

Hier noch einige weiterführende Links zum Thema:

Stencilrevolution bietet viele Infos zu Street Artists mit Biografien und Bildbeispielen, Tutorials und – etwas kurios – Vorlagen zum selber schneiden.

Stencilboard sammelt Stencil-Fotos weltweit. Leider ist die Seite noch nicht im Web 2.0 angekommen …

Eine riesige Sammlung von fotografierten Stencils findet sich auf auf flickr.

Auf youtube findet man allerlei Anleitungen zum Vorbereiten und schneiden einer Sprüh-Schablone. Ein gutes Video (auf Englisch) ist hier verlinkt.

Neue Ausstellung von Sei Leise

12. Oktober 2016 at 19:53

Vom 21. Oktober bis 6. November gibt es Werke des Kölner Street Artists „Sei Leise“ in einer neuen Ausstellung zu sehen. In den Räumen von KUNST&So, dem ehemaligen „Museum für verwandte Kunst“, kann man neue Arbeiten sehen. Auf Wunsch bekommt man eine Karte ausgehändigt, nach der man im direkten Umfeld des Museums im Belgischen Viertel im Anschluss an den Ausstellungsbesuch die Straßenkunst von „Sei Leise“ draußen, in freier Wildbahn also, entdecken kann.

Paste-up "Mädchen" von Sei Leise in Köln-MülheimFoto: Paste-up in Köln-Mülheim

Siehe auch:
Blog-Eintrag „Der Saubermann“ vom 26.12.2015
Blog-Eintrag „Das Gold liegt auf der Straße“ vom 05.04.2016
Blog-Eintrag vom „Frisch geputzt“ vom 12.04.2016